Existenzangst: KBV-Speerspitze wirft Politik und Behörden Untätigkeit vor

Verband will Kontrolle säen: „Bauern liegen am Boden“

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Ein Milchbauer lässt nahe einer Agrarkonferenz aus Protest Milch aus einem Güllewagen fließen. Dass es enttäuschte Landwirte bald wieder verstärkt auf die Straße zieht, ist nicht auszuschließen.

Stendal. „Den Landwirten geht es schlecht, so schlecht, wie schon lange nicht mehr. Die Preise für Milch, Fleisch und Getreide sind im Keller. “ Kerstin Ramminger ist es allmählich leid, immer wieder Horrornachrichten zu überbringen.

Die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes (KBV) Stendal fordert Politik und Behörden auf, endlich vorhandene Kontrollmechanismen zu nutzen und, wenn nicht anders möglich, zusätzliche zu schaffen. Insbesondere das Kartellamt sollte endlich Flagge zeigen. „Man hört ja immer wieder von Preisabsprachen und anderen Dingen, die zumindest grenzwertig sind. Vielleicht lohnt es sich ja wirklich, noch genauer hinzuschauen und gerade die Einstiegspreise unter die Lupe zu nehmen. “.

Milchpreise sinken: „Ist schon bösartig“

Die Milchbauern hätten massive Probleme, nicht das erste Mal. „Seit mehr als einem Jahr haben sie mit Tiefstpreisen zu kämpfen.“ Mindestens 40 Cent pro Kilogramm Milch (die Branche rechnet hier nicht in Litern) sollte es von den Molkereien schon geben, um kostendeckend zu arbeiten. Momentan müssen zwischen 21 und 23 Cent reichen. Der Lebensmittelhandel übe nach wie vor Druck auf die Molkereien aus. „Das ist schon bösartig.“ Die großen Einkaufsketten hätten erst kürzlich fast ausnahmslos ihre Preise für Milch um satte 15 Prozent gesenkt. „Es kann doch nicht sein, dass sie ein Grundnahrungsmittel für ihren Preisclinch missbrauchen“, schimpft die Genthinerin, die seit mehr als drei Jahren für den KBV in den Ring steigt.

Embargo, Markt und Geld: „Banken machen Druck“

Das Embargo des Westens gegen Russland und Wladimir Putins Außenpolitik habe die Lage noch einmal verschärft. „Da ist ein riesiger Markt weggebrochen, mittlerweile produzieren die Russen auch einfach viel mehr selbst als früher.“ Auch China sei inzwischen ein schwieriges Pflaster für Milch und Milchprodukte aus der Altmark und Deutschland. „Wir haben hier bei uns große Milchbetriebe. Viele von ihnen gehen derzeit plus/minus null raus, etliche sind sogar drunter, von Gewinn kann keine Rede sein. Das geht nicht mehr lange gut.“ Und wer neu investiert habe, der könne noch nicht einmal einfach so die Sparte wechseln oder hinwerfen. Ramminger: „Die Banken machen Druck, da geht es um Existenzen, um Familien.“

Forderung bleibt dieselbe: Hilfe durch „faire Preise“

Bei der Frage, ob es die Milchbauern wieder zu Protesten auf die Straße ziehen wird, winkt die 51-Jährige zwar nicht ab, muss aber länger überlegen. „Diese Aktionsformen sind wichtig und richtig, aber sie ändern nichts an den Strukturen. Wir wollen ja nicht die Marktwirtschaft abschaffen, aber wir fordern faire, vernünftige Preise. Die Landwirte wollen von ihrer Arbeit leben können. Der Vorwurf, sie würden einfach zu viel Milch produzieren und somit die Preise selbst niedrig halten, ist übrigens absurd und unverschämt.“ Erst kürzlich zogen organisierte Bauern vor Milchlager zweier Discounter im Salzlandkreis. „Bei einem kam der Pförtner, bei dem anderen hat man uns ganz links liegen gelassen.“

Fleisch, Getreide, Boden: Ramminger sieht schwarz

In anderen Zweigen rumore es ebenfalls. Vor einigen Jahren lag der Ertrag für Schweinefleisch noch bei 1,71 Euro pro Kilogramm. Inzwischen seien es 1,24 Euro und weniger, Dumpingpreise. Beim Getreide sehe es ähnlich mies aus. Über die Biogasanlagen als erhofftes zweites Standbein für Landwirte und die überhohen Bodenpreise, die Einheimische kaum zahlen könnten, möchte Ramminger erst gar nicht groß reden. „Wir brauchen ein Umdenken, auch bei den Verbrauchern, eine Sensibilisierung der Bevölkerung für die Interessen der Landwirte.“ Keine einfache Aufgabe, das wisse sie selbst. Günstige Milch und Butter zu boykottieren und im Regal zu belassen, das schaffe nun einmal nicht jeder.

Schlagkraft begrenzt: Jeder Dritte organisiert

Der KBV Stendal zählt aktuell 331 Mitglieder. Das entspricht in etwas 35 Prozent der Landwirte in östlicher Altmark und Elbe-Havel-Winkel. Da sei noch Luft nach oben, gibt Ramminger im AZ-Gespräch unumwunden zu. Nach der politischen Wende habe ein anderer Verband ein Stück weit verbrannte Erde hinterlassen. Das Vertrauen in eine Dachorganisation sei noch nicht überall in der Bauernschaft ausreichend nachgewachsen. Doch weitere Mitstreiter sollen hinzukommen. „Die Bauern liegen quasi am Boden. Das soll sich ändern. Wir wollen unsere Schlagkraft weiter erhöhen.“

Von Marco Hertzfeld

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