Ein Projekt unter Hochspannung

Umstrittene Stromtrasse nicht zu stoppen: Werk Stendal aufgerüstet

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Das Umspannwerk Stendal West befindet sich im Umbruch. Die Leitungstechnik nahe der B 188 muss den neuen Anforderungen angepasst werden.

Stendal – Das Umspannwerk Stendal West an der Bundesstraße  188 zwischen Insel und Nahrstedt wird kräftig umgekrempelt. Die Arbeiten dienen der neuen Mega-Stromtrasse Perleberg-Wolmirstedt.

In den vergangenen zwei Jahren ist die Einbindung neuer 380-Kilovolt-Leitungen vorbereitet worden. Was sich dieser Tage auch aus der Ferne ganz gut beobachten lässt, ist der sogenannte Leiterseilzug über die ersten neun Masten. „Wir nennen das Einschleifung“, sagt Christoph Arnold, Sprecher des Netzbetreibers „50 Hertz“ mit Sitz in Berlin.

Die Trasse ist umstritten. Die höchsten Masten sind 65 Meter und somit gut doppelt so hoch wie die alten 220-Kilovolt-Träger. Kritiker fordern eine Erdverkabelung. Gerade im Norden des Landkreises kommt auch der Ersatzneubau, wie ihn das Unternehmen nennt, Siedlungen näher, als den Bewohnern lieb ist. An einigen Stellen will 50 Hertz nach bessern, beharrt aber auf der Freiland-Variante. „Die Planung einer Höchstspannungsleitung ist immer ein Abwägungsprozess verschiedener Interessen“, weiß auch Arnold.

Das Fundament ist gegossen. Auch zwischen Tangerhütte und Schernebeck wird an neuen Masten gearbeitet.

Für den Abschnitt Stendal West – Wolmirstedt liegt der Planfeststellungsbeschluss vor, und somit das Baurecht. Seit Mai sind von 87 geplanten Masten bereits 20 gesetzt worden, weitere 33 sind aktuell im Aufbau. Beim Abschnitt zwischen Stendal West und der Landesgrenze nach Brandenburg befinden sich die Beteiligten noch in der Planänderungsphase. „Die eingereichten Stellungnahmen und Einwände müssen wir noch abschließend bearbeiten und beantworten. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass Anpassungen in der bisherigen Planung vorgenommen werden“, geht Arnold vorerst nicht weiter ins Detail.

Der Netzbetreiber sieht sich offenbar weiter in der Spur und nicht entscheidend ausgebremst. Arnold gegenüber der AZ salomonisch: „Es gilt viele verschiedene Schutzgüter wie den Menschen, insbesondere dessen Gesundheit, Flora und Fauna, Klima, Luft, Boden, Wasser kulturelles Erbe und Landschaft zu beachten.“ Und weiter: „Natürlich ist ein Vorhaben ein Eingriff. Es ist uns aber als Netzbetreiber wichtig, die für alle verträglichste Lösung anzustreben.“ Kritiker der Riesenmasten dürfte diese Aussage kaum zufriedenstellen.

Bis Ende 2023 soll auch die 380-Kilovolt-Leitung zwischen Umspannwerk Stendal West und Perleberg als Freileitung in Betrieb gehen. Verzögerungen scheinen da schon eingearbeitet. Generell kostet der Leitungskilometer laut Arnold rund 1,2 Millionen Euro. Genauere Zahlen zu den Investitionen könne er noch nicht nennen, weil sich der zweite, im Landkreis Stendal gelegene Abschnitt eben noch immer in der Planung befinde. Unter anderem spielen die Anzahl der Masten und die Kosten etwa für Stahl und Montage eine Rolle.

Allein auf den knapp 50 Kilometern zwischen Umspannwerk Stendal West und Landesgrenze sollen 116 Masten gesetzt werden. Davon hatte 50 Hertz Anfang des Jahres gesprochen. Inwieweit sich dort etwas entscheidend ändert, bleibt abzuwarten. Schon der Bereich ab Stendal bedeute Investitionen in einem hohen zweistelligen Millionen-Bereich, hieß es im Januar ebenfalls. Die neue Freileitung ab Wolmirstedt über Stendal bis Perleberg ist Teil eines größeren Projektes in Ostdeutschland. Das erklärte Ziel: Wachsende Strommengen transportieren.

Die Arbeiten zwischen Stendal West und Wolmirstedt sind im vollen Gange. Bis März nächsten Jahres sollen alle 87 Masten errichtet sein. Danach wird die alte 220-Kilovolt-Leitung abgebaut. „Eine Errichtung der Leitung als Erdkabel ist nicht möglich“, meint Arnold nach wie vor. Der Gesetzgeber habe Grenzen gesetzt und das Machbare vorgegeben. Ausnahmen bildeten Pilotvorhaben. „Der Ersatzneubau Perleberg – Wolmirstedt ist kein gesetzlich festgelegtes Pilotvorhaben.“ Die neue Trasse folgt zudem größtenteils einer bereits bestehenden 380-Kilovolt-Freileitung Lubmin – Wolmirstedt.

Notwendig sei die neue Leitung wegen der „massiven Zunahme der Windenergie“ in den nordostdeutschen Bundesländern sowie in der Ostsee. Ablesen lasse sich dies beispielsweise an der Rückspeisung von Umspannwerken. Rückspeisung ist jene Leistung, die von einem Umspannwerk in das Höchstspannungsnetz eingespeist wird. Diese lag laut Arnold allein schon 2018 im Umspannwerk Perleberg bei maximal 500 Megawatt und am Umspannwerk Stendal West bei maximal 766 Megawatt. Zur Einordnung: Der zweite Block des Kernkraftwerks Isar, das als eines der letzten Atomkraftwerke Ende 2022 vom Netz gehen wird, hat eine Leistung von 1485 Megawatt.

VON MARCO HERTZFELD  

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