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Stendaler Tafel droht Aufnahmestopp

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Von: Marco Hertzfeld

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Ehrenamtliche Helfer verteilen Lebensmittel an Bedürftige.
In fast jeder größeren Stadt Deutschlands arbeitet eine Tafel. Fast 1000 dieser Organisationen soll es geben. Sie verteilen Lebensmittel an Menschen in Not. © Imago

Ukraine-Krieg und höhere Kosten: Die Stendaler Tafel kommt immer mehr an ihre Grenzen. Die Zahl der wirtschaftlich Bedürftigen steigt rapide an. Der Träger schlägt Alarm und hofft auf Unterstützung.

Stendal – Die Stendaler Tafel, ein Angebot für wirtschaftlich Bedürftige, kommt an ihre Grenzen. „Wir denken bereits über einen Aufnahmestopp nach“, redet Leiterin Melanie Märtens gegenüber der AZ erst gar nicht um den heißen Brei herum. In halbwegs normalen Zeiten greifen vielleicht gut 700 Menschen nach den gespendeten Produkten. Momentan sind es mehr als 1000, Tendenz weiter steigend. Die Folgen des Krieges in der Ukraine sind im Hauptquartier an der Adolph-Menzel-Straße und in den Außenstellen in Tangermünde, Tangerhütte und Osterburg bereits sichtbar. Allein in der Kreisstadt stehen 150 Flüchtlinge vor der Tür, um die 20 kommen pro Woche hinzu. Gleichzeitig melden sich immer mehr Leute, die mit den gestiegenen Energie- und Lebensmittelkosten nicht zurechtkommen.

Lebensmittel an Ukraine-Flüchtlinge

Bundesweit stehen die Tafeln vor immensen Herausforderungen, einige haben schon die Reißleine gezogen und nehmen keine weiteren Kunden mehr auf. Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland, hat Alarm geschlagen und einen Appell an die Bürger gerichtet. „Das kann ich gerade für uns hier nur unterstreichen. Wir brauchen Hilfe, ganz große Hilfe“, beteuert Märtens. Erst bei einer Ausgabe vergangene Woche habe man Leute am Ende wegschicken müssen, weil schlichtweg keine Ware mehr da gewesen sei. „Wir benötigen vor allem Lebensmittel, natürlich, auch private Spenden. Es darf ruhig auch die in Coronazeiten gehortete Büchse Nudeln sein. Dankbar sind wir auch über jede finanzielle Unterstützung, die Spritpreise sind hoch, wie wir ja alle nur zu gut wissen.“

Waren weniger, Kosten bleiben

Träger der Stendaler Tafel ist seit 2012 das Sozialtherapeutische Zentrum Gut Priemern, eine gemeinnützige GmbH. Jährlich entstehen Kosten im fünfstelligen Bereich. „Die Finanzierung der Tafel ist auch schon so manchmal schwierig. Zumal diese Arbeit nicht die Kernaufgabe dieses Unternehmens ist.“ Und dennoch wolle niemand momentan einfach hinschmeißen. „Das würden uns schon unsere Mitstreiter nicht verzeihen“, sagt die Mittdreißigerin leise. Sie kann auf etwa 30 ehrenamtliche Mitarbeiter, im Schnitt 60 Jahre alt, vertrauen und aktuell sechs Ein-Euro-Jobber (Arbeitsgelegenheitsmaßnahme). Die zwei Stellen im Bundesfreiwilligendienst sind momentan unbesetzt, gern würde Tafelchefin Märtens das ändern und hofft auf Bewerber, bitte möglichst mit Führerschein.

Träger sucht Helfer und bittet um Geld

Der Tafelträger sucht den stärkeren Schulterschluss, der Landkreis steht weit oben auf der Liste. Die gebürtige Altmärkerin berichtet von einem ersten Gespräch mit dem Vizelandrat, ein Termin mit dem Landrat ist avisiert. Das erklärte Ziel: eine generelle, langfristige Unterstützung für die Tafel. „Wir sind zuversichtlich, dass unsere Bitte auf fruchtbaren Boden fällt, doch garantiert ist das nicht.“ Noch einmal: „Die Tafel soll unbedingt vor einem Aus bewahrt werden, die Frage danach sollte sich bitte nicht mit aller Konsequenz stellen müssen.“ Ganz allein stehe der Träger nicht da, nein. Kommunen helfen demnach bei der Miete für die Räumlichkeiten, ein Energieunternehmen sponsert den Strom. „Doch der Aufwand ist nun einmal groß und kostet, nicht zuletzt so mache Transporterreparatur.“

Es seien auch ganz banale Sachen wichtig. „Seit Corona packen wir die Lebensmittel vor. Wir benötigen deshalb Tüten, am liebsten die aus Plastik, weil sie länger halten.“ Hinein kommen für Kunden und Familien immer Obst, Gemüse, Joghurt, Süßigkeiten und anderes mehr. Dass einige Lebensmittel teurer geworden seien, merke auch die Tafel, indirekt. „Die Ware wird irgendwie weniger.“ Gut 30 Läden im Landkreis geben Lebensmittel, die nicht mehr verwendet und sonst oft vernichtet werden würden, ab. Tafelleute fahren die Adresse regelmäßig an. Kisten müssen immer wieder bewegt, die Inhalte sortiert und nach Unbrauchbarem durchgeschaut werden. „Einfach ist die Arbeit nicht. Ich kann mich bei allen Helfern nur immer wieder bedanken. Sie sind mit Herzblut bei der Sache.“

Gar nicht so selten seien auch starke Nerven gefragt, und der Ukraine-Konflikt stelle eben noch einmal alle vor zusätzliche Herausforderungen. „Erst kürzlich regte sich eine Frau fürchterlich auf, die Tüte mit Lebensmitteln reichte ihr nicht aus. Sie sprach von ihrem zerbombten Haus in der Ukraine und davon, dass wir daran schuld seien, was ja nicht sein kann. Sie schien uns stark traumatisiert.“ Märtens verliert sich einige Sekunden in Gedanken. Und ja, so manchem Flüchtling müsse mehrmals und mit aller Ruhe erklärt werden, dass es sich nur um eine Zusatzverpflegung handle, nicht mehr. „Dass wir einen Helfer haben, der russisch spricht, ist dabei durchaus von Vorteil. Wobei öfter auch Dolmetscher die neuen Tafelkunden begleiten, was wichtig ist, gerade am Anfang.“

Wer der Tafel helfen möchte, in welcher Form auch immer, erreicht Märtens unter Tel. (039384) 986324 oder auch 0151/18809461. Weitere Hinweise zur Arbeit finden Interessierte im Internet auf stendaler-tafel.de. Erläuterungen liefert auch der Träger, die gGmbH im Norden des Landkreises und mit Christoph Lenz an der Spitze, unter www.gutpriemern.de.

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Reißleine lieber nicht riskieren/Tafel braucht Stützen:
Dass die Tafeln nur Systemfehler übertünchen helfen, manchmal ist das und mehr zu hören und zu lesen. Für irgendeine Kapitalismuskritik ist der Zeitpunkt aber denkbar ungünstig. Selten waren diese Anlaufpunkte für wirtschaftlich Schwache wertvoller als heute. Träger und ehrenamtliche Helfer dürfen mit den Folgen des Ukraine-Krieges nicht alleingelassen werden. Dass die Stendaler Tafel von einem soliden Unternehmen und einer gGmbH organisiert ist, darf zu keinen falschen Erwartungen führen. Betriebe dieser Rechtsform zielen nicht auf Profit, Erträge sollen für gemeinnützige Zwecke verwendet werden. Und: Die Tafel ist eben nicht die Hauptaufgabe von Gut Priemern. Dass dort jemand die Reißleine zieht, sollten Politik und Verwaltung lieber nicht riskieren.

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