1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Stendal

Ukraine-Krieg: Frage zur Kernkraft in Stendal neu befeuert

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Marco Hertzfeld

Kommentare

Rüthiger Kloth steht in einem Lager für Castorbehälter in Gorleben.
Rüdiger Kloth in einer Lagerhalle in Gorleben. Im Hintergrund sind Castorbehälter zu sehen, gut sechs Meter hoch. Der Altmärker war seit Ende der 1990er-Jahre bei der GNS in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Seit 2016 ist er Bürgermeister in Seehausen. © privat

Erdgas und Erdöl kommen in erheblichem Maße aus Russland. Der Krieg gegen die Ukraine lässt Menschen in Deutschland über eine Renaissance der Atomkraft reden. In Stendal und der Altmark hat das Thema mehrere Facetten.

Stendal – „Die Versorgungssicherheit ist bei Kernenergie ein großer Vorteil, da der Brennstoff Uran weltweit und damit selbst bei Konflikten in einzelnen Ländern praktisch immer verfügbar ist.“ An eine Kehrtwende zum Atomausstieg in Deutschland glaubt selbst Rüdiger Kloth nicht mehr. Schon allein der sogenannten Grundlast wegen hält der Aulosener aber eine längere Laufzeit der verbliebenen drei Kernkraftwerke für durchaus sinnvoll. Bevor Kloth kommunalpolitisch ein Schippe drauflegte und Bürgermeister der Verbandsgemeinde Seehausen wurde, arbeitete er nicht zuletzt im Atommülllager Gorleben. Dass er die Nachrichten über die Ukraine, Tschernobyl-Zone, ein umkämpftes Kernkraftwerk und anderes mehr auch deshalb aufmerksam verfolgt, versteht sich schon fast von selbst.

Kloth sieht Vorteile bei Atomstrom

Angriff Russlands auf die Ukraine stellt die Energiesicherheit der Bundesrepublik infrage. Einige Politiker wollen sogar die letzten Atommeiler später vom Netz nehmen, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) etwa plädiert dafür. Altmärker Kloth (Freie Wähler) führt noch andere Sachen ins Feld. „Wir sind in Deutschland durch den Kernenergie- und Kohleausstieg gerade dabei, unsere komplette Grundlast abzuschaffen.“ Wer es nicht weiß: Grundlast meint die niedrigste Tagesbelastung eines Stromnetzes, eine wichtige Kenngröße. Grundlastfähig sind jene Technologien, die diese Leistung konstant liefern können. Stromimporte aus dem Ausland dürften angesichts der wetterabhängigen Erneuerbaren Energien zumindest und vorerst nicht gerade unwichtiger werden.

Edda Ahrberg sitzt in einer Diskussionsrunde in Tangermünde.
Diskursfreudig: Theologin Edda Ahrberg vor einigen Jahren bei einer Gesprächsrunde zu Tangermünder Sowjethäftlingen nach dem 2. Weltkrieg. © Marco Hertzfeld

Deutschland will bis Ende 2022 aus der Atomenergie aussteigen. „Die Laufzeiten sollten nicht verlängert werden“, sagt Edda Ahrberg der AZ. „Der Ausstieg hat begonnen und darf nicht unterbrochen werden. Zudem dürfte das auch gar nicht so einfach gehen, wie Wissenschaftler sagen.“ Und bitte: „Der Krieg in der Ukraine hat ja gerade gezeigt, dass solche Einrichtungen sehr wohl angegriffen werden können und gefährdet sind. Und dabei sind die Auswirkungen der Unfälle von Tschernobyl und Fukushima noch nicht einmal verarbeitet.“ Die Bündnisgrüne lebt in Cobbel (Tangerhütte) und sitzt unter anderem im Kreisumweltausschuss. Bekannt wurde sie als Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen. Und: Mit den Auswirkungen des Sowjetkommunismus befasst sie sich seit Jahren.

Ahrberg betont Einsparmodelle

Die AZ erwischt die Autorin zwischen Tür und Angel. „Ja, wir sollten uns unabhängiger machen und nicht in dem Maße wie jetzt von Russland abhängig sein. Das bedeutet sicherlich höhere Preise. Insgesamt wird noch viel zu wenig darüber gesprochen, wie Energie eingespart werden kann. Selbstbeschränkung und eine neue Bescheidenheit bei jedem von uns könnten richtige Ansätze sein“, meint Ahrberg, ohne ins Detail gehen zu können. Nur noch so viel und apropos: „Von einem Endlager in der Altmark halte ich nichts. Wobei letztendlich deutschlandweit ein Platz gefunden werden muss und der sollte sicher sein, so sicher ein solcher Platz eben sein kann.“ Gemeint ist die Suche nach einem deutschen Atommüllendlager, die noch längere Zeit in Anspruch nehmen dürfte.

DDR-Bau, Ausstieg und Müllendlager

Kloth, mehrere Jahre bei der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) in der Öffentlichkeitsarbeit tätig und dazu vor allem im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben unterwegs, steht im Stoff. „Ein Endlager muss über sehr lange Zeiträume sicher sein und das hängt hauptsächlich von der Geologie ab.“ Und: „Wenn ein Endlager nicht sicher sein sollte, dann ist es egal, ob es vor meiner Haustür liegt oder 100 Kilometer entfernt ist.“ Ein Endlager sollte seines Erachtens dort liegen, wo von der Kernenergie profitiert wurde. Sachsen-Anhalt gehöre nicht dazu. Aber natürlich und noch einmal grundsätzlich: „Was die Klimabilanz angeht, ist die Kernenergie gegenüber der Stromproduktion aus Kohle und Gas unschlagbar. Die Kohlendioxid-Emissionen sind im Betrieb nahezu null.“

Wer über Atomkraft und die Altmark redet, der kommt an dem realsozialistischen KKW-Projekt bei Arneburg nicht vorbei. „Gut, dass die Wende kam und es nicht fertig wurde. Dieses Kraftwerk hätte die hohen Sicherheitsstandards nach bundesdeutschem Recht nicht erfüllen können“, ist Kreispolitiker und Verwaltungschef Kloth überzeugt. Auch Ahrberg, aufgewachsen in Aschersleben und später unter anderem in Halle lebend, weiß um den KKW-Abbruch, der auch noch Jahrzehnte nach dem Untergang der DDR läuft. „Ich stamme nicht von hier. Ich verbinde damit aber Erinnerungen an Erika Dress und Malte Fröhlich und andere mutige Menschen. Sie wurden damals belächelt, weil die vor der Kernkraft warnten, das hat sich inzwischen geändert.“

Auch interessant

Kommentare