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Ukraine-Konflikt: Stendals Ehrenbürger Kaschade schlägt sich nicht auf eine Seite

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Von: Marco Hertzfeld

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Prof. Hans-Jürgen Kaschade zeigt Geschenke und Mitbringsel aus Osteuropa.
Prof. Hans-Jürgen Kaschade kommt viel in der Welt herum. Vor einiger Zeit hat er der AZ eine kleine Auswahl an Geschenken und Mitbringseln aus Osteuropa gezeigt. © Marco Hertzfeld

Stendals Ehrenbürger kennt Osteuropa und sieht verpasste Chancen für den Westen und Russland. Im Ukraine-Konflikt will sich Prof. Hans-Jürgen Kaschade nicht auf eine Seite schlagen.

Nein, ein Putin-Versteher sei er doch bitte nicht. Doch solle sich der Westen ruhig einmal in die Rolle des russischen Präsidenten versetzen. „Nach 1990 hat die Nato gesagt, sie rücke nicht näher heran. Und in seiner Rede im Bundestag 2001 war es Wladimir Putin, der für eine stärkere Zusammenarbeit und Partnerschaft gerade mit Deutschland geworben hat“, erinnert Prof. Hans-Jürgen Kaschade. „Wir haben vieles vielleicht nicht ernst genug genommen und zu sehr auf die USA gehört“, glaubt Stendals Ehrenbürger im Gespräch mit der AZ. Ob der Ukraine-Konflikt weiter eskaliert oder nicht, der 81-Jährige will darüber nicht spekulieren. Momentan stehen die Zeichen eher auf Entspannung, was sich aber schnell wieder ändern kann. Der Professor verfolgt die täglichen Nachrichten aufmerksam.

Tausende Bücher an Deutschschüler

Kaschade wurde in Ostpreußen geboren, als Flüchtlingskind sah er kurz Stendal, mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte er im Westen des geteilten Deutschlands. Nach der politischen Wende baute er die Hochschulen in Magdeburg und Stendal auf, gründete eine Stiftung in der altmärkischen Kreisstadt, führte die Geschäfte des Existenzgründerzentrums BIC und zeichnet für zahlreiche kleine und große Projekte in Kunst und Kultur verantwortlich. Tausende Bücher schaffte das Literaturhilfswerk Stendal auch in die Ukraine, Universitäten, eine Kirchengemeinde und Deutschlerngruppen an anderen Stellen profitierten. Um es klar zu sagen: Kaschade sieht im Russen Putin mindestens einen Autokraten. Doch das allein beantworte ja noch lange nicht die Schuldfrage.

Der Professor, der hauptsächlich in Niedersachsen lebt und regelmäßig für einige Tage in Stendal weilt, will noch immer einen halbwegs guten Draht in die Ukraine haben. So mancher Ukrainer gebe Europa und Russland gleichermaßen Schuld an der Lage, Hardliner existierten auch, ja, auf beiden Seiten. Kaschade hält die Situation so nah an Polen und Deutschland für heikel, nicht zuletzt durch die Krim-Frage. Nicht vergessen: Ein beachtlicher Teil von Putins Riesenland gehöre geografisch zu Europa. Stendals Ehrenbürger ist kein Berufspolitiker und schon gar kein Diplomat in Staatsdiensten. „Wir sollten hinschauen und uns informieren, das kann nicht verkehrt sein. Und die Mächtigen dieser Welt sollten bitte weiterhin miteinander reden, telefonieren oder was auch immer.“

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Brüderchen Russland / Ostdeutsche Grenzgänger:
Ostdeutsche sehen Russland oftmals anders. Westdeutsche macht das bisweilen misstrauisch. In der DDR war mit Blick auf die Sowjetunion die Rede vom großen Bruder oder Freunden. Wirklich ernst gemeint und gelebt wurde diese deutsch-sowjetische Freundschaft selten. Einen Russen, Ukrainer, Kasachen oder anderen Landsmann aus dem Sowjetreich sahen die wenigsten Bürger. Gab es die angeblichen Freunde doch mehrheitlich nur in Uniform und hinter Kasernenmauern, das dürften auch Stendaler kennen. Dass der Osten im Ukraine-Konflikt mitunter anders tickt, könnte sich schlicht und ergreifend vor allem durch die Geografie erklären. Was Politiker und Analysten mit geopolitischer Lage umschreiben, liegt für Bürger einfach nur verdammt nahe und quasi um die Ecke. So gesehen scheint Kaschade ein mehrfacher Grenzgänger, der Niedersachse mit ostpreußischen Wurzeln, den es immer wieder auch hinaus über Ostdeutschland zieht.

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