Turmführung in der Kirche St. Marien anlässlich des Weihetages / „Volles Geläut“ faszinierte

95 Stufen steigen für tollen Ausblick

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Hoch über den Dächern der alten Hansestadt Stendal: Vom Marien-Kirchturm reicht der Blick bei gutem Wetter bis nach Tangermünde. Anlässlich des Kirchweihtages konnten Besucher die 95 Stufen bis zur höchsten Turmstube erklimmen.

Stendal. Von Mai bis September wird in der St. Marienkirche zu Stendal stets sonnabends zur Andacht geladen.

Wie der Vorsitzende der evangelischen Stadtgemeinde Detlef Frobel im Gespräch mit der AZ verriet, war der vergangene Samstag nicht nur Bartholomäustag, sondern gleichzeitig auch der Kirchweihtag für das 1447 geweihte Gotteshaus am Markplatz. Dies gab Anlass genug, mit einem besonderen Programm für Besucher aufzuwarten.

Glockenbauer Rolf Klietz (M.) führte Interessierte durch den Turm der Marienkirche. Eine Etappe war dabei die Klöppelstube.

Denn so war er es, der am Sonnabend die Andacht sprach, welche von einem Orgelkonzert musikalisch untermalt wurde. An der Schererorgel spielte der Stadtmusikdirektor Michael Hentschel französische Kompositionen des 19. Jahrhunderts. Den Auftakt zu diesem besonderen Tag hatte kurz vor 11 Uhr das „große Geläut“ der spätgotischen Backsteinkirche kundgetan. Dabei erklangen die vier großen Glocken der fünften Turmebene. Wie Frobel verriet, und viele in der Altmark gehört haben sollten, erklangen am Samstagabend noch mehr Glocken als üblich – das „volle Geläut“.

Denn so wurde ab 17.45 Uhr das Chorgeläut dafür angestellt. Diese Signier- oder Zeichenglocken „haben die Aufgabe, das Plenum anzukündigen und darauf hinzuweisen: ‚Achtung, jetzt kommt etwas Besonderes, jetzt müsst ihr zuhören‘“, wie Glockenbauer Rolf Klietz bei der Turmführung im Anschluss an die Andacht erklärte. In dieser Führung ging Klietz gemeinsam mit Interessierten, teils aus den Niederlanden - „dem Land der Glocken“ - angereist, den Kirchturm Stück für Stück hoch. Alle paar Meter erwartete die Besucher dabei eine Art Raum mit Ausstellungen zum Thema Glocken. Von der Klöppelstube über Jochen bis hin zur Glockenstube blieb für die Turmbesteiger nichts unentdeckt.

Die Stadt- und Ratskirche bekommt eine zwölfte Glocke zurück. Die „Cantate“ erklingt, wenn der Dachreiter renoviert wurde.

Besonders in der Klöppelstube ging Klietz noch einmal darauf ein, dass die Dinge zwar zum Teil nicht mehr zu gebrauchen sind, aber es „einfach zu schade wäre, sie wegzuwerfen“. Viele Klöppel, die im Glockeninneren den Ton anschlagen, sind mittlerweile schon älter als 400 Jahre. Nachdem die Glockenstube besichtigt war, in der der Glockenbauer kurz vorführte, wie laut beispielsweise die „Neue Glocke“ ist, konnte von allen der Schatz der Kirche besichtigt werden.

Dies ist die 1490 gegossene, fast fünf Tonnen schwere Glocke „Maria“. Sie wurde von dem niederländischen Glockengießer Gerdt van Wou kreiert und bringt als eine der berühmtesten Glocken Deutschlands noch heute viele Besucher in die Altmark. Was im 21. Jahrhundert die motorbetriebene Technik regelt, wurde früher von bis zu elf Männern in mühsamer Tretkunst über sogenannte Läutebohlen hervorgebracht: das Klangspiel der drei großen Glocken von St. Marien.

Nachdem die 95 Stufen von allen Besuchern erstiegen worden waren, kam für viele der Besucher endlich der Moment, die Kamera zu zücken und diesen einzigartigen Ausblick über den Dächern Stendals bei nahezu wolkenlosem Himmel bis Tangermünde festzuhalten.

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