Jährlicher „Trauermarsch“ zielt auch nach Norden

Magdeburg: Neonazis holen sich Stütze in Stendal

Landespolizisten begleiten einen rechten Aufzug in Magdeburg 2016
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Das Konfliktmanagement der Polizei hat wie hier 2016 weniger zu tun. Und doch bleibt das alljährliche Gewaltpotenzial. Seit 2002 marschieren Neonazis in Magdeburg auf.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
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Die Neonazi-Partei III. Weg hat sich einen „Stützpunkt“ Magdeburg/Altmark zugelegt. Welche Rolle die Gesinnungsgenossen beim sogenannten Trauermarsch am 22. Januar 2022 in Magdeburg spielen, die Polizei dürfte genau hinschauen.

Magdeburg / Stendal – Der Polizei im nördlichen Sachsen-Anhalt steht ein arbeitsreiches Wochenende bevor. Nach AZ-Informationen ist auch für dieses Jahr ein sogenannter Trauermarsch oder Gedenkmarsch angemeldet, auf einschlägigen Internetseiten wird dafür mobilisiert. Neonazis wollen wie die Jahre zuvor auf ihre ganz eigene Art und Weise an die Bombardierung Magdeburgs am 16. Januar 1945 erinnern. Nicht zuletzt aus einsatztaktischen Gründen kann und will ein Sprecher der Polizeiinspektion (PI) Magdeburg nicht großartig ins Detail gehen. Welche Rolle die Kleinstpartei Der III. Weg und deren nach eigenem Bekunden im Sommer 2021 gegründeter „Stützpunkt“ Magdeburg/Altmark genau spielen werden, muss sich zeigen. Die Polizei in der Landeshauptstadt gibt sich jedenfalls gerüstet.

Als KZ-Häftlinge verkleidete Gegendemonstranten gehen den Neonazis entgegen und blockieren zeitweise deren Marschroute. Eine Szene von vor zehn Jahren.

Polizei rüstet sich für Sonnabend

Der Name kommt offensichtlich nicht von ungefähr. „Es gibt eine Kontinuität zu alten Kameradschaftsstrukturen in der Altmark“, meint David Begrich vom Verein Miteinander in Magdeburg. Von dort nach Stendal beispielsweise sind es knapp 60 Kilometer. Es gebe tatsächlich „personelle Verbindungen“ und ja, irgendwie seien die Akteure stets auch auf der Suche nach einem Anwesen, das sich kaufen oder mieten lasse. Die weitläufige Altmark quasi vor den Toren der Großstadt bietet so manche Ecke, die Sicherheitsbehörden vielleicht nicht immer gleich auf dem Schirm haben, kein neues Phänomen. Von einem möglichen neueren Beispiel will der Rechtsextremismusexperte nichts wissen. „So ein Anwesen kostet über das Jahr und kann natürlich auch ein Klotz am Bein sein.“

Magdeburger David Begrich, Jahrgang 1972, vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung in Stendal.

Verein Miteinander: Kontakte im Norden

Der Fokus der Landespolizei richtet sich auf den Sonnabend. Mehr als 20 Versammlungen beziehungsweise Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet seien angemeldet, lässt der PI-Sprecher Anfang der Woche auf Nachfrage der AZ wissen. Das Bündnis gegen Rechts und andere Zusammenschlüsse haben längst zum Gegenprotest aufgerufen, schon eine einfache Recherche im Internet belegt das. Die Akteure lassen sich vornehmlich dem bürgerlichen Bereich zuordnen. Inwieweit autonome und linksradikale Gruppen größer mitmischen und ihr eigenes Süppchen kochen wollen, muss sich zeigen. Schon fast traditionell soll am Vorabend des Neonaziaufmarschs eine Demonstration stattfinden. Dort dominiert seit Jahren die marxistisch-leninistische Fraktion der linken Szene.

Neue Stärke Partei, III. Weg und NPD

Die Polizei möchte für alle Eventualitäten vorbereitet sein und natürlich spielen auch die Coronaregeln eine Rolle. Was die Zahl der Einsatzkräfte und die Strategie angeht, lässt sie sich nicht in die Karten schauen. Der Verein Miteinander, welcher im westaltmärkischen Salzwedel eine Dependance hat, wird ebenfalls auf der Straße sein. „Wir haben eine neue Konstellation in der militanten Neonaziszene“, ist Begrich überzeugt. Den Kern der Neue Stärke Partei in Magdeburg bilde die ehemalige Kameradschaft Festungsstadt. Hinzu komme besagter Stützpunkt Magdeburg/Altmark des III. Weges und die NPD, wenngleich sie nicht mehr so aktionistisch auftrete. „Man darf aber nicht den Fehler machen und es für ein neues Phänomen halten. Alle drei Vereinigungen sind eine Zellteilung des Kerns Neonazismus.“

Alliierte Weltkriegsbomber zerstörten am 16. Januar 1945 weite Teile Magdeburgs. Die Ereignisse nutzen Neonazis seit mehr als einem Jahrzehnt für ihre ganz eigenen Zwecke. Zur Hochzeit 2012 marschierten an die 1200 Mitglieder vor allem sogenannter freier Kameradschaften aus halb Deutschland durch die Elbestadt, darunter Gesinnungsgenossen aus der Altmark. Mit derartigen Zahlen rechnet Begrich diesmal nicht. „Die Mobilisierungsfähigkeit der Szene hat extrem nachgelassen. Die Szene hat momentan nicht die Ausstrahlungskraft auf junge Leute. Es sind Leute zwischen Mitte 30 und Ende 40 unterwegs, Leute, die fast alle mindestens zehn Jahre aktiv sind.“ Doch bitte: „Eine Entwarnung bedeutet das natürlich nicht. Gefährlich bleibt es, weil es ein Gewaltpotenzial gibt.“

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