Hansestadt betont Bildungsarbeit

Tiergarten Stendal: Zucht keine große Nummer

Ein Luchs liegt im Tiergarten von Stendal auf einem Stein.
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Irgendwie umschreibt die Szene ganz gut das aktuelle Zuchtgeschehen im Stendaler Tiergarten. Der Luchs liegt ziemlich alt und einsam sowieso in der hintersten Ecke. Weiterer Nachwuchs scheint eher unwahrscheinlich.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
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Bildungsarbeit und Artenschutz: Im Stendaler Tiergarten spielt die Zucht besonderer und seltener Arten momentan keine große Rolle. Im Vordergrund stehe die Bildungsarbeit, heißt es.

Stendal – Die beiden Schwarzbären leben ohne Frau. Die zwei Timberwölfe, noch recht frisch am Stadtsee, bilden ebenfalls eine Männer-WG. Miteinander verwandt sind die beiden Wildkatzen. Bei einem Großteil der Affenbande im Tiergarten Stendal fehlen mal Weiblein, mal Männlein. Familie Nordluchs lag zuletzt auf dem Altenteil. Dass sich die Sibirischen Tiger offenbar nicht sonderlich gut riechen können, macht den Kohl auch nicht mehr fett, der Kater, ein Neuzugang aus dem Jahr 2020, ist sterilisiert. Wenn denn die Zucht besonderer und seltener Arten tatsächlich vornehmste Aufgabe von Zoos ist, dann dürften die Noten schon seit geraumer Zeit bestenfalls durchschnittlich ausfallen. „Ich denke, es ist offenkundig, dass der Fokus in den vergangenen Jahren nicht auf der Züchtung lag“, redet Rathaussprecher Armin Fischbach erst gar nicht um den heißen Brei herum.

Stadt: Artenschutz hat viele Facetten

Die Liste der Arten im aktuellen Tiergartenkonzept der Stadt ist durchaus beachtlich, sie umfasst 37 Säugetiere, 30 Vögel, fünf Reptilien und dazu einige wenige Fische und Insekten. Für Zucht und organisierten Artenschutz braucht es grünes Licht von außen, keine Frage. Dass ältere Tiere ja auch irgendwo bleiben müssen und nicht abgeschoben werden sollen, hatte die Tiergartenleitung schon das eine oder andere Mal betont. Für das Frühjahr ist kürzlich ein neuer Luchs angekündigt worden, eine ältere Katze. Auch so scheint der Bestand im Zoo ziemlich überaltert. Und: Ein größeres Engagement oder gar eine Offensive in Artenschutz und potenzieller Auswilderung zeichnet sich nicht ab. Wobei Fischbach auf Nachfrage dieser Zeitung betont: „Für die Zucht ist es nötig, voneinander separieren zu können. Aus baulicher Sicht bestehen hierbei im Stendaler Tiergarten keine Probleme.“

Älteres Leben muss irgendwo bleiben

Zucht allein legitimiere noch keine Einrichtungen wie diese. Zoos übernehmen demnach „vielfältige Funktionen, die dem Natur- und Artenschutz förderlich sind“. Auf den Punkt gebracht: „Unser Tiergarten konzentrierte sich zuletzt eher auf den Bildungsaspekt.“ Ziel sei es, die Besucher „hautnah an die Natur sowie an eine breite Anzahl von Tierarten heranzuführen“. Fischbach gegenüber der AZ weiter: „So soll allen Leuten die Schönheit der weltweiten Fauna aufgezeigt werden, damit sich bereits die Kleinsten im Klaren sind, warum diese schützenswert ist. Artenschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, weshalb so viele Menschen wie möglich mitgenommen werden müssen.“ Auf der Internetseite des Tiergartens, der 2022 sein 70-jähriges Bestehen feiern kann, ist die Rede davon, dass am Stadtsee „viele vom Aussterben bedrohte Tierarten“ beheimatet seien.

Selbstverständnis und Anspruch scheinen damit formuliert, unverändert. Inwieweit dies derzeit eingelöst ist, muss an dieser Stelle ein Stück weit offenbleiben. Der Stadtsprecher schaut genauer auf einige Arten, setzt Schlaglichter. Bei einem Marder mischt Stendal im direkten Artenschutz mit. Der Europäische Nerz ist in freier Wildbahn fast verschwunden. „Über den Verein Euro-Nerz wird die Möglichkeit eingeräumt, Jungtiere im Stendaler Tiergarten aufzuziehen.“ Zuletzt war dies im vergangenen Jahr der Fall. „Eine der Nerzanlagen ist eigentlich immer besetzt, außer die Tiere werden in ihrer Paarungszeit zur Bedeckung abgeholt.“ Und weiter: „Aktuell werden dem Verein zwei Anlagen zur Verfügung gestellt, um Jungtiere aufzuziehen. Damit wird ein Beitrag geleistet, diese vom Aussterben bedrohte Art zu schützen und idealerweise die Nerze wieder auszuwildern.“

Rathaus sieht keine baulichen Probleme

Wer Stendal stärker und in größerer Spannbreite züchten sehen will, kann zumindest auf die Salzkatze, auch Kleinfleckkatze genannt, hoffen. Die beiden Exemplare wurden 2020 geboren und ja, sie sind ein Paar und dabei zweigeschlechtlich. „Derzeit leben sie aber noch getrennt, da sie noch nicht geschlechtsreif sind“, weiß Rathaussprecher Fischbach nach Rücksprache mit der Zooleitung. Und: „Bislang gehören sie keinem Zuchtprogramm an. Ob mit den beiden Tieren gezüchtet werden kann, ist derzeit noch unklar. Es gilt abzuwarten, ob die beiden miteinander können.“ Die Salzkatze stammt ursprünglich aus Südamerika. Die Europäischen Wildkatzen sind, wie bereits erwähnt und um noch bei den Katzen (Felidae) im 1952 angelegten Tiergarten zu bleiben, miteinander verwandt. „Die Zucht ist mit Blick auf den zu ähnlichen Genpool damit nicht ratsam.“

Beim Nordluchs im Artenschutz hat Stendal in jüngerer Vergangenheit vermutlich eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Das Pärchen sorgte für insgesamt neun Jungtiere. Das Weibchen ist nun 2021 im Alter von 21 Jahren verstorben. Und es gibt auch dort Fragezeichen. „Um dem hinterbliebenen Kater wieder altersgerechte Gesellschaft zu verschaffen, wird sich um eine ältere Luchskatze bemüht. Ob die beiden Tiere sich dann vertragen und gegebenenfalls sogar noch eine Zucht möglich ist, kann derzeit nicht beantwortet werden“, teilt Fischbach weiter mit und schaut für die AZ noch kurz zu den Affenarten und echten Vorzeigetypen: „Die Totenkopfäffchen gehören ohne Frage zu den Lieblingen im Tiergarten, insbesondere bei den Kindern. Dies wird mit der lebhaften Art der Tiere zusammenhängen, da in diesem Gehege immer Bewegung ist.“ Bislang gab es in der Gruppe 17 Jungtiere.

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