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Sturmschaden: Stendals Sowjetfriedhof getroffen

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Von: Marco Hertzfeld

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Ein Nadelbaum ist auf den Zaun des sowjetischen Ehrenfriedhofs in Stendal gekracht.
Friedhof und Nachbargrundstück. Der Nadelbaum liegt mit der Krone noch immer auf dem Zaun aus Metall und Stein. Der Schaden scheint beachtenswert. © Marco Hertzfeld

Die Februarstürme hatten den sowjetischen Ehrenfriedhof in Stendal getroffen. Bis Ostern sollen die Aufräumarbeiten dauern. Der Ukraine-Konflikt ändere nichts an der Aufgaben der Stadt, heißt es. Auf dem Gelände steht unter anderem ein Obelisk mit Stalinspruch.

Stendal – Um den auf den Zaun des sowjetischen Ehrenfriedhofs in Stendal gestürzten Baum herrscht offenbar einige Verwirrung. „Der Baum wurde zwischenzeitlich auf Veranlassung des Eigentümers des Nachbargrundstückes beräumt“, hieß es kürzlich auf AZ-Anfrage aus dem Büro des Oberbürgermeisters. Allerdings hat sich an dem Bild an der Lüderitzer Straße in Stendal kaum etwas bis nichts verändert, jedenfalls bis Redaktionsschluss gestern (23. März 2022) nicht. Der Baum liegt auf der Einfriedung, die deutliche Blessuren davongetragen hat. Überhaupt macht das Gelände noch einen ziemlich unaufgeräumten Eindruck (die AZ berichtete). Absperrbänder sind gezogen. „Die Verkehrssicherheit wird wieder hergestellt. Alle Schäden sollen noch vor Ostern behoben werden“, lässt ein Stadtsprecher wissen.

Stadt: Sturmbruch bis Ostern beseitigt

Dass ob der aktuellen Entwicklungen in der Ukraine noch einmal besonders auf das Areal geschaut werden könnte, dürfte Politik und Verwaltung bewusst sein. „Der Friedhof hat für die Hansestadt Stendal die gleiche Bedeutung wie alle Gräber von Krieg und Gewaltherrschaft. Der benannte Konflikt/Krieg ändert an unserer gesetzlichen Verantwortung für den Friedhof nichts“, heißt es vonseiten der Stadt. Auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof zum Zweiten Weltkrieg sind fast 350 Menschen bestattet, Militärangehörige und Zivilisten. Offiziell eingeweiht wurde er am 8. Mai 1949. Bei Kranzniederlegungen waren in der Vergangenheit immer wieder auch Vertreter der Russischen Föderation dabei. Spätestens Ende 1991 hatte die Sowjetunion, das kommunistische Riesenreich, aufgehört zu existieren.

Steinsockel mit Schwarz beschmiert

Ein Steinsockel im Eingangsbereich ist mit schwarzem Filzstift oder Ähnlichem beschmiert worden. Der Inhalt des Gekrakels lässt sich nicht genau erfassen und deuten. Ob es politisch motiviert ist, auch das muss vorerst offenbleiben. Das Ganze könnte außerdem schon länger dort stehen. Der Stadtverwaltung scheinen die Kritzeleien allerdings gänzlich unbekannt. „Wir werden die Beseitigung veranlassen.“ Das Friedhofsgelände soll sich in Privatbesitz befinden. Näher erläutert hatte das ein Stadtsprecher mit Verweis auf den Datenschutz schon im Mai vor einem Jahr nicht weiter. Für Diskussionsstoff sorgt hin und wieder ein Stalinspruch auf dem Obelisken, an entscheidender Stelle infrage gestellt wurde er nicht. Die Nazi-Diktatur forderte Millionen Tote, nicht zuletzt in der Sowjetunion.

Nazi-Folgen, Stalin und „ewiger Ruhm“

Die allgemeinen Pflegearbeiten übers Jahr erledigt ein beauftragtes Unternehmen. Die Hansestadt sei für die Unterhaltung des Friedhofs zuständig. Gemäß dem Gräbergesetz trage der Bund die Kosten. Heißt auch: Die Stadt muss sich um den Zaun kümmern. „Die Reparatur erfolgt durch die Hansestadt. Es müssen auch noch bruchgefährdete Bäume gefällt werden. Eine Schadenshöhe ist noch nicht bekannt“, lässt André Projahn aktuell nach Rücksprache mit dem Fachbereich weiter wissen. Der Schaden ist demnach durch die Stürme Ylenia und Zeynep entstanden und wurde am 22. Februar festgestellt. Der auf den Zaun gestürzte Baum vom Nachbargrundstück hängt noch mit einigen Wurzeln im Boden. Die Frage, wer was genau bezahlt, könnte noch nicht abschließend geklärt sein.

Dass die Schäden auf dem Areal insgesamt nicht längst beseitigt sind, dafür gibt es offensichtlich mehrere Gründe. Zunächst konzentrierte sich die Stadtverwaltung auf die Sturmschäden des kommunalen Friedhofs nahe der Uenglinger Straße. Zudem müsse für Baumfällungen nun einmal eine Ausnahmegenehmigung der zuständigen Naturschutzbehörde her. Und: Für „jegliche Maßnahmen“ auf dem Ehrenfriedhof brauche es die Zustimmung des Landesverwaltungsamtes. Einheimische verirren sich eher selten auf das Areal, schließlich ist es gefühlt schon immer da und scheint nur zu bestimmten Tagen interessant. Auf dem Obelisken heißt es übrigens genau: „Ewiger Ruhm den Helden, die in den Kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit unserer Heimat gefallen sind! Stalin“.

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Gedenkort und die Zeit / Pathos von einst gefährlich fremd:
Die Nazi-Diktatur forderte Millionen Opfer, die blutige Stalin-Herrschaft ist eine Geschichte für sich. Um erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dieser Ehrenfriedhof ergibt Sinn. Schon allein deshalb, weil sich damit an die Folgen deutschen Größenwahns und verquerer Ideologie erinnern lässt. Und doch könnte das mehrere Tausend Quadratmeter große Areal zum Reizobjekt werden, denn von der alten Sowjetunion ist es nun einmal nicht weit zum autoritären Russland dieser Tage. Und ja, auch die ersten Vergleiche zwischen Wladimir Putin, dem russischen Präsidenten, und Adolf Hitler, dem braunen Kriegstreiber, sind in Politik und Medien gezogen, mag das manchem auch viel zu weit gehen. Wie sehr Gedenkstätten dieser Art doch bitte vor allem auch in ihrer Zeit und ihrem Raum gesehen werden müssen, dafür ist der Stendaler Obelisk ein Paradebeispiel. Ein Spruch des Verbrechers Stalin kann einem sonst mehr denn je und bei allem erlaubten Pathos seltsam fremd und fragwürdig erscheinen.

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