Polizei noch ohne eine heiße Spur

Stendal: Attacke auf Stolpersteine ungeklärt

Menschen laufen die Hallstraße in Stendal entlang und über die Stolpersteine.
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Die Menschen sollen quasi über die Steine stolpern und die Geschichte Stendaler Juden nicht vergessen.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Wer in Stendal Stolpersteine beschmiert hat, kann die Polizei auch mehr als einen Monat nach der Tat nicht sagen. Die Ermittlungen laufen. Ob das Ganze überhaupt aufgeklärt werden kann, scheint fraglich.

Stendal – Im Fall der zwei beschmierten Stolpersteine von Stendal laufen die Ermittlungen. „Neue Erkenntnisse sind Teil des Ermittlungsverfahrens. Auf das Ermittlungsverfahren direkt kann im Moment kein Einfluss genommen werden“, teilt Polizeisprecher Dirk Marscheider der AZ in dieser Woche mit. Inwieweit es einen konkreten Verdacht oder gar einen Beschuldigten gibt, dazu heißt es: „Das ist ebenfalls ein wesentlicher Teil des Ermittlungsverfahrens.“ Im Klartext: Die Polizei lässt sich momentan nicht großartig in die Karten schauen. Nach einer weiteren Nachfrage wird deutlicher, dass es die viel zitierte heiße Spur mehr als einen Monat nach der Tat wohl nicht oder noch nicht gibt.

Die beschmierten Steine an der Stendaler Hallstraße. Die Stadtverwaltung hat sie reinigen lassen.

Egal, ob gezielte politische Aktion und Provokation oder Dummejungenstreich, die Behörden dürften wissen um die politische Sprengkraft, die eine solche Tat bergen kann. Die zwei Stolpersteine am Wohnhaus Hallstraße 4 waren irgendwann am 24. Februar oder früher mit einem Filzstift oder Ähnlichem bekritzelt worden. Namen und Lebensdaten zweier jüdischer Stendaler wurden mehr oder weniger übermalt. Die Stadtverwaltung ließ die Striche entfernen und verurteilte die Schmierereien. Auf eine Anzeige verzichtete man, auch weil es andere Vorfälle dieser Art in der altmärkischen Kreisstadt bislang nicht gegeben haben soll. Strafanzeige erstattete kurz darauf das Bündnis „Herz statt Hetze“.

Provokation oder dummer Streich?

„Für eine Tat kann immer nur ein Strafverfahren geführt werden.“ Das zuständige Sachgebiet habe die Arbeit aufgenommen. „Eine weitere Strafanzeige für denselben Sachverhalt ist nicht möglich“, stellt Marscheider einmal grundsätzlich klar. Im Übrigen seien der Polizei keine vergleichbaren Fälle aus der Vergangenheit bekannt. Das Polizeirevier Stendal ist für den kompletten Landkreis Stendal zuständig, also für die Ostaltmark und den Elb-Havel-Winkel. Wichtig sei doch eines: „Dass diese Straftat oder ähnliche Straftaten aufgeklärt und die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Denn nicht nur der materielle, insbesondere der ideelle Schaden ist von großer Bedeutung.“

Schmierfink droht empfindliche Strafe

Derartige Taten können durchaus empfindliche Strafen nach sich ziehen. „Je nach Beschaffenheit der Schmierereien kann es sich um Sachbeschädigung oder eine gemeinschädliche Sachbeschädigung handeln. Es drohen hierfür bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe, für die gemeinschädliche Sachbeschädigung bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe “, erläutert der Polizeisprecher. Und: „Sollte es sich dabei um Schriften oder Zeichen handeln, die weitere, spezielle Straftatbestände verwirklichen, ändert sich natürlich das Strafmaß noch.“ Kurz erklärt: Gemeinschädliche Sachbeschädigung meint unter anderem Angriffe auf öffentliche Denkmäler oder Ähnliches.

Keine weiteren Fälle für Landkreis bekannt

Die Stolpersteine gehen auf ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig zurück, das Anfang der 1990er-Jahre begann. Es handelt sich um quadratische Messingtafeln, von einem Betonwürfel getragen. Sie gedenken bundesweit der Menschen, die in der Nazizeit ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. In Stendal liegen sechs Stolpersteine, jene vor der Hallstraße 4 erinnern seit 2006 an Auguste und Richard Cohn. Weitere Tafeln sollen, wie berichtet, in der altmärkischen Stadt in absehbarer Zeit hinzukommen. Republikweit wird derzeit auf 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zurückgeblickt. Damit verbunden ist der Appell, Antisemitismus zu bekämpfen.

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