Tiergartenchefin will Erhalt gefährdeter Arten nicht aus Augen verlieren

Stendals Zoo ein Rentnerparadies auf Zeit

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Kurz aufgewacht: Ein Teil der Rentnertruppe aus dem Stendaler Tiergarten.

Stendal – Es ist nicht ihre Jahreszeit, dösig heben zwei der vier Nasenbären den Kopf. Hinzu kommt das Alter der Tiere.

„Wir haben ihre Kisten niedriger setzen lassen, sie sollen es noch so angenehm wie möglich haben“, sagt Anne-Katrin Schulze und schließt die wohltemperierte Unterkunft hinter sich wieder ab.

Anne-Katrin Schulze, Leiterin des Tiergartens.

Böse Zungen könnten meinen, der Tiergarten wäre ein Rentnerparadies und die betagten Kleinbären stünden beispielhaft für eine gewisse Entwicklung. Dass der gesamte Tierbestand im Stendaler Zoo überaltert ist und sich nicht an Zucht und Erhalt bestimmter Arten beteiligt wird, will die Leiterin so nicht erkennen. „Unser Tiergarten ist kein Altersheim, aber unsere Tiere haben es einfach gut."

Die Sibirischen Tiger sind Vater und Tochter, gezüchtet werden dürfe eh erst ab einer bestimmten Besucherzahl, die Stendal nicht erreiche. Die zwei Schwarzbären sind männlich und kastriert. Bei den Nordluchsen läuft nichts mehr, sie ist bald 20 Jahre alt und er soll irgendwann ein neues Weibchen bekommen.

Die Wildkatzen sind Geschwister, der Kater ist kastriert. Bei den Servalen, die ursprünglich aus Afrika stammen, hat es dieses Jahr Nachwuchs gegeben, das Jungtier ist bereits an einen anderen Zoo abgegeben. „Ich finde Jungtiere auch wunderschön, na klar. Doch wir züchten nicht auf Teufel komm raus. Ich will und muss doch vorher wissen, wo die Tiere einmal bleiben können.“

Leer geräumt sei der Stendaler Tiergarten damit noch lange nicht. „Man kann sehr wohl Tiere sehen, auch in der kälteren Jahreszeit“, ist Schulze überzeugt. Im Tiergartenkonzept, das momentan noch einmal überarbeitet wird, ist von 456 Tieren und 73 Arten die Rede. „Das sind aber auch die Wellensittiche und andere Kleine mitgezählt.“ Der jährliche Nachwuchs insgesamt abgezogen, blieben am Ende gut 350 Tiere. Und gleich noch eine weitere Zahl, die wichtig scheint. Die Leiterin rechnet in der Bilanz mit circa 70 000 Menschen, die den Tiergarten bis Ende des Jahres besucht haben werden. „Wir bewegen uns damit im Bereich der Jahre zuvor, die Einrichtung ist und bleibt weiter beliebt.“

18 Tierarten sollen laut Konzept, über das die AZ im November berichtet hat, zu den besonders geschützten Arten gehören. Die Altmärkerin zählt auf: „Tiger, Luchs, Wildkatze, Rohrweihe, Rotmilan ...“ Der Tiergarten beteilige sich an übergeordneten Listen und internationalen Überlegungen, natürlich. Regelmäßige Erfolge beschert ihm seit geraumer Zeit ein Erhaltungsprogramm für den Europäischen Nerz. In freier Wildbahn hat es das kleine Raubtier nach wie vor schwer. Die Fäden laufen im niedersächsischen Osnabrück zusammen, die Stendaler helfen seit Ende der 1990er-Jahre und haben seitdem immerhin mehr als ein Dutzend Jungtiere zur Auswilderung wieder abgeben können.

Nachwuchs hat es unter anderem bei Damhirsch, Wildschwein, Kaschmirziege, Totenkopfäffchen und Schnee-Eule gegeben. „Nicht alles können und wollen wir behalten.“ Die drei Eulen sind bereits weg, weil das Gehege nur Platz für die Elterntiere biete. Ein neues Domizil soll an gleicher Stelle entstehen und um das des derzeit einzigen Waldkauzes erweitert werden.

Schulze setzt auf den Verein der Tiergartenfreunde, ein Förderantrag bei Lotto-Toto sei gestellt. Sie rechne mit Ausgaben in Höhe von etwa 50 000 Euro. „Eine Anlage für Turmfalke und Kauz ist noch eine Vision, Zukunftsmusik, ein Wunsch. Beide Arten sind Nischenbewohner, ein Felsen, ein Gebäude könnte in irgendeine Form nachgebildet werden.“

Die Tiergarten-Chefin führt die AZ weiter über das Gelände. Waschbären, die ja eigentlich in Nordamerika zu Hause sind, teilten übrigens das Schicksal der Nasenbären. Von der vielköpfigen Rasselbande ist noch ein Mitglied übrig geblieben. „Die Tiere brachten es überwiegend auf zwölf Jahre oder waren noch älter.“ In ähnlichen Dimensionen bewegen sich die Nasenbären. Der Bestand werde bei beiden auf keinen Fall wieder aufgefrischt. Eine Richtlinie der Europäischen Union verbannt sogenannte invasive gebietsfremde Arten wie diese aus Tiergärten. Die Tiere könnten ausbrechen und in der einheimischen Tierwelt schaden anrichten. Der Waschbär hat ja schon ganz andere Wege gefunden.

VON MARCO HERTZFELD 

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