Es soll ja nichts anbrennen

Stendals Landratsbewerber sparen an direkten Attacken

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Die Blicke richten sich auf sie: Während Norbert Lazay (v.l.) die Bürger begrüßt, erwarten Arno Bausemer, Patrick Puhlmann und Carsten Wulfänger ihren ersten Fragen.

Stendal – Gesittet im Auftreten, gemäßigt in den Antworten, gezügelt im Ablauf. Wer von der offiziellen Vorstellungsrunde der drei Kandidaten zur Landratswahl am 10.  November den großen ideologischen Schlagabtausch erwartet hat, muss sich den woanders suchen.

Als AfD-Mann Arno Bausemer schon fast am Ende der zweistündigen Veranstaltung im Landratsamt aus dem Publikum nach der Thüringen-Wahl und Björn Höcke, dem Rechtsaußen seiner Partei, gefragt wurde, meinte er: „Demokraten wählen Demokraten, mehr sage ich dazu jetzt nicht. “ Selbst Pfarrer Norbert Lazay, der an dem Abend moderierte, hakte an dieser Stelle nicht nach. Und so blieb auch dies unbefriedigend.

Interessant bleiben dürften auch Fragen, die nur angerissen oder erst gar nicht gestellt wurden. Etwa die nach dem politischen Vorleben des Bewerbers Bausemer und wie sich ein früherer Liberaler aus der ersten Reihe im Landkreis in einer Partei wie der AfD wiederfindet.

Wo der Kreistag in Stendal regelmäßig tagt, sitzen Bürger aus Ostaltmark und Elbe-Havel-Winkel. Auch der letzte freie Platz wird bald besetzt sein.

Dass Amtsinhaber Carsten Wulfänger (CDU) ein Landrat für alle sein will, erklärt wohl nur unzureichend, warum er sich für eine mögliche Wiederwahl von der Gruppe Pro Altmark unterstützen lässt, die seiner Partei ansonsten existenziell zusetzt. Da scheint der Umstand, dass die einst so auf Unabhängigkeit bedachte SPD nun in einem Linksbündnis für ihren Mann Patrick Puhlmann kämpfen muss, fast nebensächlich.

Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Wahlbeteiligung, davon gehen alle drei Bewerber fest aus. Vor sieben Jahren lag die Quote bei 25,4 Prozent, in der Stichwahl waren es sogar nur 16,3 Prozent, selbst für eine Landratswahl eine ziemlich magere Beteiligung. Wulfänger siegte damals äußerst knapp gegen den SPD-Konkurrenten Lars Schirmer. Dass einer der Kandidaten für 2019 beim ersten Urnengang die nötige Stimmenmehrheit holt, scheint momentan eher unwahrscheinlich, die drei Lager wirken ähnlich stark. An diesem Abend war der Applaus gleichmäßig verteilt. Emotionen um eine abgesagte Wahlveranstaltung und studentischen Protest gegen die AfD tags zuvor kamen mitunter noch einmal hoch.

Der Saal war proppenvoll, auch die Ränge oben sind gut gefüllt gewesen. „Für mich sind Recht und Ordnung keine Floskeln“, stellte sich Altmärker Bausemer vor. Puhlmann wurde in Anhalt geboren, in einem Zentrum der Aufklärung, wie er sagte. Wulfänger stand für seine ersten Worte auf und meinte: „Mein Name ist bekannt.“

Der Landrat nannte Daten und Zusammenhänge in der gut 700-köpfigen Verwaltung und wollte unter anderem mit den Schulbauprojekten punkten. Inwieweit dem CDU-Mann der oft genannte Amtsbonus an der Spitze helfen kann, bleibt abzuwarten. Zuletzt war der Landrat wegen des Durcheinanders in der Abfallwirtschaft in die Kritik geraten. Das Thema spielte an dem Abend keine Rolle.

Puhlmann, für so manchen noch ein recht unbeschriebenes Blatt, versuchte aus der Not eine Tugend zu machen: „Hier wird nichts anbrennen, bloß weil ein neuer Landrat dasitzt.“ Die Mitarbeiter und erklärten Fachleute blieben ja dieselben. Digitalisierung dürfe nicht bei Breitband und Zweckverband stehen bleiben, und natürlich seien auch Bildung und öffentlicher Personennahverkehr wichtig.

In ein ähnliches Horn blies Bausemer und fand noch seinen ganz eigenen Punkt, das geplante Flüchtlingsheim am Rande Stendals, das er ablehne. Ein Bürger servierte ihm passgenau, der AfD-Kandidat nahm auf und ließ sich dabei auch nicht vom Moderator stören, der Landesthemen eigentlich nicht vorgesehen hatte.

Veranstaltungen wie diese können nur Schlaglichter setzen, Fragen bleiben offen, neue kommen hinzu. So richtig glänzen und von seinen Konkurrenten absetzen konnte sich keiner der drei Bewerber. Der in etwa gleich verteilte Beifall während der zwei Stunden müssen als Beleg reichen. Häme und Zwischenrufe unter der Gürtellinie blieben die Ausnahme. Für einige Menschen ist das vielleicht sogar die Botschaft: Die politische Kultur im Landkreis Stendal scheint so verloren nicht. In neun Tagen wird der Landrat neu gewählt. Die knapp 95 000 Wahlberechtigten können sich weiter informieren. Die Wahlkampfteams der drei Bewerber dürften nun so richtig Fahrt aufnehmen.

VON MARCO HERTZFELD 

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