Abrissviertel vermüllt: Stadt sieht Immobilien verrotten und mahnt Besitzer

Stendaler Südstadt: Tisch für die Ratte gedeckt

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Ratten leben wohl in jeder Stadt. Nur sehen wollen sie die wenigsten. Auch nicht mausetot auf dem Gehweg wie hier vor Jahren im Zentrum Stendals. 

Stendal – Der Sperrmüll würde mehrere Großcontainer füllen. Nur wenige Meter weiter türmt sich Hausabfall. Und er lebt, es raschelt und knistert, Verpackungen rutschen von oben nach unten. Ein Tier huscht in den zerzausten Grünstreifen gleich daneben.

Eine Maus, eine Ratte? Eher Letztgenannte. Schon wieder bewegt sich etwas in einem der Müllberge, diesmal ist es ganz klar eine Elster. Es dürften die früheren Stellplätze der Abfalltonnen sein, in denen sich der Dreck mehr als hüfthoch aufbaut. Ob alles aus diesem einen Wohnblock am Dahrenstedter Weg stammt, wer weiß das schon. Der DDR-Plattenbau scheint längst verlassen, wie fast alle Blöcke in Stendal-Süd, die noch nicht abgerissen worden sind. Der Stadtteil ist zu einem miefigen Skelett verkommen.

Müllkippen gibt es im sterbenden Stadtteil Süd einige. Nahe dem Dahrenstedter Weg türmt sich gleich an zwei Punkten der Abfall meterhoch auf. Das lockt Ungeziefer an.

Einige Restbauten gehören einem auswärtigen Unternehmen, doch es könnten noch andere im Spiel sein. Wem was gehört, lässt sich in der ausgedünnten Wohnlandschaft auf den ersten Blick schwer sagen. Die Stadtverwaltung sieht „einige der Müllecken“ auf Privatflächen. Die Eigentümer seien in der Pflicht. Rathaussprecher Armin Fischbach: „Die Hansestadt Stendal findet es sehr bedauernswert, dass manch ein Eigentümer nicht nur seine Immobilie dort verrotten lässt, sondern auch die Beeinträchtigung des Stadtbildes durch widerrechtlich entsorgten Müll zu ignorieren scheint.“ Abfall auf öffentlichen Flächen werde entsorgt, sofern die Stadt für diese zuständig sei. Müllkippen auf Privatgelände melde die Stadt grundsätzlich der Abfallbehörde des Landkreises.

Für das Rathaus scheint die Situation eindeutig: Wo sich offenkundig seit Monaten oder vielleicht schon Jahren Müll anhäuft, gehört die Fläche oftmals Privaten, der Landkreis ist zuständig und ihr selbst fehlt die nötige „Eingriffsermächtigung“. Das Gebiet, in dem einst viele Tausend Menschen lebten, hat es auch so schwer. Fischbach erinnert: „Es handelt sich nach wie vor um einen Stadtteil Stendals, für den wir zuständig sind. Richtig ist aber auch, dass per Stadtentwicklungskonzept von 2002 ein vollständiger Rückbau der dort befindlichen Wohneinheiten beschlossen wurde.“ Konkrete Pläne für die anschließende Nutzung bestünden übrigens bislang nicht. Ob und wenn ja wann die letzten Quartiere im einstigen realsozialistischen Vorzeigewohngebiet verschwinden, muss sich zeigen.

Viele Straße sind selbst tagsüber menschenleer. „Beschwerden über Ratten im Stadtteil Süd erreichten uns in letzter Zeit nicht.“ Sollte Anwohnern etwas auffallen, mögen sie sich in der Stadtverwaltung melden, bittet Fischbach. Dem Rathaus liegen derzeit Berichte über Ratten am alten Wahrburger Krug und an der Elisabethstraße vor. „Die Methoden zur Bekämpfung und die damit verbundenen Kosten unterscheiden sich nach dem Bereich, in dem die Ratten auftauchen: Grünflächen, Gebäude und so weiter.“ Vor einigen Monaten bekämpfte die Stadt den Nager verstärkt an und nahe der Adolph-Menzel-Straße in Stendal-Stadtsee (die AZ berichtete). Vereinzelte Müllecken und insbesondere achtlos weggeworfene Essensreste sollen in dem Bereich zu einer Vermehrung der Tiere geführt haben.

VON MARCO HERTZFELD

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