Krise und Aufschwung: Großteil der Ratsuchenden lebt von staatlicher Hilfe

Stendaler Schuldnerberater schreiben schwarze Zahlen

+
Kostenfrei, anonym, sicher: Wenn Schuldner nicht mehr weiterwissen, dann kann eine Fachberatung helfen.

Stendal. Die Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hat bereits allein für die ersten drei Monate des Jahres 235 Fälle registriert. Geht die Entwicklung so weiter, könnte sogar die Zahl aus 2011 übertroffen werden.

Damals suchten insgesamt 935 Menschen Rat in der Osterburger Straße 4 in Stendal. In den Jahren davor waren zwischen 500 und 600 Beratungen üblich. Ein Großteil der Schuldner lebt von Hartz IV, muss seinen Lohn aufstocken oder bekommt andere staatliche Hilfen. „Die Tendenz ist steigend. Wobei wir hier eh nur die Spitze des Eisberges mitkriegen. Schulden sind immer noch ein gern totgeschwiegenes Thema“, meint Beraterin Ina Bombach.

„Es kommen Menschen, die sich in Krisensituationen befinden.“ Krisen, in denen automatisch auch ihre Kinder stecken. Von den 235 Ratsuchenden haben 112 Nachwuchs. Summa summarum sind mindestens 200 Mädchen und Jungen betroffen. Die über 18-Jährigen nicht mitgezählt. Die Schuldnerberaterin: „Bei uns bekommt die Armut ein Gesicht.“

„Wenn dann auch noch ein Inkassobüro Druck auf die Familie ausübt, wird es richtig haarig.“ Bombach spricht für etliche Fälle sogar von „Psychoterror“. Die Schuldeneintreiber riefen mittlerweile sogar samstagabends über das Telefon an. Allenfalls der Sonntag sei diesen Leuten noch einigermaßen heilig, aber auch nicht allen. Bombach kürzlich im Sozialausschuss: „Der Schuldnerschutz gehört auch zu unseren Aufgaben. Wir sagen unseren Kunden, welche Rechte sie haben.“

Die Beratungsstelle kann den Ansturm kaum noch bewältigen. Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung gehe an diesen Familien in der Regel vorbei. Auch wenn die Spritpreise wieder einmal in die Höhe schießen, kann das der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die Wartezeiten sind lang. „Wir haben aber bislang noch niemanden wegschicken müssen. Nach einem Erstkontakt folgt immer ein ordentlicher erster Termin bei uns. Und stets gilt: Die Existenzsicherung für die Betroffenen ist die Aufgabe Nummer eins. Erst danach schauen wir gemeinsam, wo Einsparungen möglich sind.“

Auch die Beratungsstelle selbst steht vor Herausforderungen. Wie es ab 2013 mit der Finanzierung weitergeht, weiß abschließend noch niemand so richtig. Das Land will nur noch eine „vernetzte Beratungslandschaft“ fördern, weil Ratsuchende häufig vor „multiplen Problemen“ stünden, sagt Dr. Helga Paschke (Linke), Vorsitzende des Kreis-Sozialausschusses und Landtagsmitglied. Der Landkreis sei bereits vergleichsweise gut aufgestellt. Neben der Schuldnerberatung arbeiten unter anderem noch eine Erziehungs- und Familienberatung des Paritätischen, die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung von „pro familia“ sowie die Sucht- und Drogenberatung der Caritas. Fast alle Anlaufstellen befinden sich zudem in der Osterburger Straße 4 unter einem Dach. Sollte das noch nicht ausreichen, müsse der Landkreis nachlegen. Die Verbände erledigen die Aufgaben in seinem Auftrag.

Von Marco Hertzfeld

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare