Hansestadt stellt Fallenjagd mindestens zurück

Stendaler Nutria bekommt Galgenfrist

Drei Nutrias fressen am Ufer in Stendal.
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Alttiere und Nachwuchs wie dieser tummeln sich offen an Stadtsee, Uchte und Schwanenteich. Wie es mit den Nutrias in der Stadt Stendal weitergeht, muss sich zeigen.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Die Nutria im Stendaler Stadtgebiet kann ihren Kopf gerade noch einmal aus der Schlinge ziehen. Die Stadt lässt keine sogenannten Lebendfallen aufstellen, zumindest vorerst nicht. Ganz offensichtlich findet sie momentan keinen Jäger, der den Job übernehmen möchte. Das Thema spaltet die Meinungen.

Stendal – Der Nutria im Stadtgebiet geht es nicht an den Kragen. „Leider gestaltet es sich schwieriger als gedacht, einen Jäger anzuwerben, der die Fallen aufstellt und kontrolliert“, teilt Rathaussprecher Armin Fischbach auf Nachfrage der AZ mit. Eine Jagd auf die eingewanderten Großnager sollte nicht zuletzt am Stadtsee längst eröffnet sein, zwischenzeitlich war die Rede von Lieferschwierigkeiten bei den Käfigen. Inwieweit die Pläne vielleicht sogar ganz vom Tisch sind, bleibt abzuwarten. Die Stadt will und muss sich offensichtlich Zeit geben. Die Tierrechtsorganisation Peta hatte das im Januar öffentlich bekannt gewordene Vorhaben heftig kritisiert und Alternativen gesehen.

Diskussionsklima zeitweise aufgeheizt

Käfige, wenn denn inzwischen vorhanden, bleiben im Depot, die Jäger sollen sich schwertun. „Dies hängt zum einen mit den örtlichen Bedingungen am Stadtsee zusammen, die laut fachlicher Einschätzung die Aufstellung erschweren. Zum anderen existieren auch schlicht nachvollziehbare Vorbehalte, in diesem Sachverhalt aktiv zu werden. Das Diskussionsklima in dieser Frage war zwischenzeitlich recht aufgeheizt und mancher Jäger fürchtet öffentliche Anfeindungen“, konstatiert Fischbach. Nachdem die AZ im Frühjahr über die Jagdpläne berichtet hatte, wurde in sozialen Medien kräftig diskutiert. Auch sollen in der Folge Drohungen gegen Stadtmitarbeiter eingegangen sein.

Rathaus findet keinen Weidmann

Welches Hindernis momentan höher erscheint, lässt sich an dieser Stelle nicht ergründen. Aus dem Rathaus heißt es noch recht sperrig: „Die Hansestadt wird diesen Sachverhalt weiter prüfen und die Lage entsprechend den neuen Erkenntnissen evaluieren.“ Im Klartext bedeutet das eben: Eine Jagd auf die Nutria, auch Biberratte genannt, ist mindestens bis auf Weiteres gestorben. Die Art stammt ursprünglich aus Südamerika, den Bestand in Europa führen Experten auf entflohene Exemplare aus Pelztierfarmen und bewusste Auswilderungen zurück. Weil die Winter in der jüngeren Vergangenheit eher milde waren, brechen die Populationen vielerorts nicht mehr von allein zusammen.

Wie viele Nutrias am Stadtsee, entlang der Uchte, am Schwanenteich und den Gräben und Kanälen in und um Stendal leben, konnte die Stadtverwaltung bislang nicht sagen. Einige Familien und damit insgesamt etliche Dutzend Tiere dürften es schon sein. „Die Nutria ist ein großes Problem, da die Uferböschung durch ihre Baue schwer beschädigt wird“, hieß es im Frühjahr aus dem Rathaus. Und weiter: „Die Schäden sind eine Gefahr für alle Personen, die in der Nähe der Ufer gehen würden und könnten im Extremfall auch die Standhaftigkeit naher Gebäude gefährden.“ Zudem soll die invasive Art durch Fraß an Uferpflanzen die Lebensräume seltener einheimischer Tiere einschränken.

Organisation Peta sieht Alternativen

Die Nutria spaltet die Meinungen, sie hat Gegner und Unterstützer. Ein Fütterungsverbot und drohende Strafen von bis zu 5000 Euro liefen mehr oder weniger ins Leere. Wenngleich die Stadt Mitte April mit Blick auf Brennpunkte von zunehmendem Unmut gerade bei Anwohnern sprach. Die Stadt mahnte, ließ nicht zuletzt am Stadtsee Schilder aufstellen, die auf ein generelles Fütterungsverbot bei Wildtieren hinweisen, schickte den Ordnungsdienst in die Spur. Die Fallenjagd rückte in den Fokus, bei der sogenannten Lebendfalle ist das Ende nah. Gefangene Nutrias nimmt der Jäger samt Käfig mit und tötet sie anschließend. „Tierschutzgerecht töten“ hat das die Stadt schon einmal genannt.

Fütterungsverbot und Strafe gelten

Peta zog gegen die Stendaler Jagdpläne im März öffentlichkeitswirksam ins Feld, nachdem sie der Stadt im Februar ihre Forderungen geschickt hatte. Die nach eigenen Angaben größte Organisation dieser Art in Deutschland plädiert unter anderem für mechanische Schutzmaßnahmen an Böschungen und Bauwerken. „Ohne Drahtgeflechte an den Böschungen würden bald neue Tiere nachziehen. Auch deshalb sind Tötungen nicht akzeptabel und würden den Steuerzahler am Ende vermutliche mehr kosten als tierfreundliche Vergrämungsmaßnahmen“, schrieb Peta damals der AZ. Das Stendaler Rathaus lehnte das Ganze als ungeeignet ab, schon das Stadtseeufer sei gut zwei Kilometer lang.

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