Die Trippe aus der Mittelstraße

Stendal: Wissenschaftler graben mittelalterlichen Unterschuh auf Baustelle aus

Archäologe Torsten Herms zeigt den Holzschuh direkt am Fundort in der Mittelstraße, wo zuvor die Bauarbeiter einen etwa 80 Zentimeter tiefen Graben ausgehoben hatten.
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Archäologe Torsten Herms zeigt den Holzschuh direkt am Fundort in der Mittelstraße, wo zuvor die Bauarbeiter einen etwa 80 Zentimeter tiefen Graben ausgehoben hatten.

Stendal – „Solche schönen Funde sind das sprichwörtliche Salz in der archäologischen Suppe“, erklärte Andreas Neubert vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, als er Mittwochmittag einen außergewöhnlichen Fund an der Mittelstraße präsentiert.

Dabei handele es sich um eine sogenannte „Trippe“, eine Art hölzerner Unterschuh, den sich Bürger im Mittelalter unter ihre Schuhe geschnallt haben – zum Schutz vor Matsch und Dung, damit wertvolle Lederschuhe unbeschadet bleiben. Das Alter des Holzstückes konnte bislang noch nicht genau datiert werden. Es wird aber auf das 14. oder 15. Jahrhundert geschätzt.

Die Wissenschaftler präsentierten ein historisches Bild der Trippen, die vor Dung und Matsch schützten.

Gefunden wurde die Trippe bereits am 30. April, erzählt Neubert. Archäologen sind immer vor Ort, wenn ein Straßenstück neu ausgehoben wird. Sie untersuchen die Erdschichten, machen Fotos und sammeln Funde. Die Trippe kam als unförmiger Erdklumpen ans Licht der Nachwelt, worauf die Wissenschaftler zunächst einen Blasebalg vermuteten. Die wahre Funktion des Holzstücks stellte sich dann bei weiteren Untersuchungen heraus.

Was den Fund so besonders macht, ist die Seltenheit solcher Ausgrabungsstücke, als auch der Fundort. Seit 65 Jahren habe man in Sachsen-Anhalt keine Trippe mehr gefunden, berichtet Neubert. Der einzig andere Unterschuh dieser Art wurde in Magdeburg entdeckt. Das Holzstück mit zwei Absätzen und Metallbeschlag ist gut erhalten, war aber nicht der alleinige besondere Fund. Bisher sei, nach Aussage der Archäologen, nur ein einziges Paar Trippen in Deutschland gefunden worden.

In der Mittelstraße entdeckten die Archäologen auch zwei Lederschnallen, die spiegelverkehrt zur Trippe passen und so auf ein Gegenstück hindeuten. Dieses wurde aber bisher nicht ausgegraben, aber die Arbeiten an der Mittelstraße sind ja auch noch nicht zu Ende.

Stendal bietet generell einen perfekten Standort für historische Ausgrabungen, was auch die vorgeschriebene Anwesenheit von Archäologen an Baustellen in der Innenstadt erklärt. Denn dort ist die Erde so feucht, dass sie Holzstücke, Knochenteile und Keramik konserviert und vor Luft schützt, womit sie gegen Verwesungsprozesse geschützt sind. Das machte auch diese Entdeckung wahrscheinlicher, denn Trippen werden vornehmlich in mittelalterlichen Kloaken vorgefunden. Der Stendaler Fund im Schmutz und Abfall einer Straße ist damit aber doch ungewöhlich, meint Neubert. Vor allem, da abgetragene Trippen oft als Feuerholz verwendet worden wären, wodurch die Nachwelt meistens nur noch die abgeschnittenen Lederschnallen auffinden könne. VON LISA KRAUSE

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