Folgekosten bedrohen wohltätige Organisationen im ländlichen Raum

Stendal: „Wer bezahlt die Krise?“

Die neue Regionalstellenleiterin Dorit Schubert und der ehemalige Geschäftsführer Bernd Zürcher sehen in der Corona-Krise sowohl Politik als auch Gesellschaft in der Pflicht.
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Die neue Regionalstellenleiterin Dorit Schubert und der ehemalige Geschäftsführer Bernd Zürcher sehen in der Corona-Krise sowohl Politik als auch Gesellschaft in der Pflicht.

Stendal – Schon Anfang April hat Dorit Schubert die Regionalstellenleitung der Paritätischen Wohlfahrt Altmark von Bernd Zürcher übernommen.

Um mit der neuen Geschäftsführerin ins Gespräch zu kommen, haben Bundestagsmitglied Matthias Höhn und Landtagsvizepräsident Wulf Gallert (beide: Linke), gestern Vormittag einen Antritts- und Abschiedsbesuch gemacht.

„Da war für einen Schock keine Zeit“, berichtet Schubert über die ersten Tage im neuen Amt. Völlig unvorbereitet ist sie jedoch nicht in die neue Situation gestoßen worden. Sie arbeitet schon seit zehn Jahren für die Paritätische Wohlfahrt. Zusätzlich hat sie ihren Vorgänger im letzten Jahr seiner Amtszeit begleiten können, um so Einblicke in ihre neue Arbeit zu gewinnen.

Wie viele andere Organisationen auch, sah sich die Paritätische Wohlfahrt immer wieder neuen Situationen, bedingt von den Eindämmungsverordnungen, ausgesetzt, auf die schnell reagiert werden musste. Glücklicherweise werde sie jedoch als systemrelevant eingeschätzt, wie Schubert erläutert. Deshalb hätten viele Mitarbeiter früh die Möglichkeit bekommen, ihre Kinder betreuen zu lassen, um ihre Arbeit weiterführen zu können. „Eigentlich war der Terminkalender gut gefüllt“, berichtet sie weiter. Sämtliche Netzwerktreffen, auch um sich als neue Regionalstellenleiterin vorzustellen und Kontakte zu knüpfen, mussten wegen der Pandemie aber ausfallen.

So langsam komme jedoch wieder Bewegung in diese Angelegenheiten. Bisher sei die Krise relativ gut überstanden worden, auch finanziell. „Wir haben dieses Jahr die Kurve gekriegt“, berichtet Schubert. Der große Rattenschwanz könne jedoch noch kommen, wie sie anmerkt. Denn es sei nicht klar, wie die Förderungen weiterlaufen. Wenn Angebote nur in abgeänderter Form stattfinden konnten, könne diese komplett oder teilweise wegfallen und so den Haushalt für 2021 durcheinanderwürfeln. Das könne auch zu einem verstärkten Wettbewerb unter den einzelnen Organisationen führen, die auf diese Mittel angewiesen sind. „Es werden ja nicht mehr“, gibt sie zu bedenken. „Vielleicht müssen sie es“, merkt Höhn an.

Das sei auch die große Frage, mit der sich die Politik jetzt und in der kommenden Zeit befassen müsse. „Wer bezahlt die Krise?“, bringt es Gallert auf den Punkt. Positiv zu bemerken sei dabei, dass die schwarze Null nicht mehr oberste Maxime sei. Eigentlich müssten sich alle Organisationen, die im ländlichen Raum soziale Arbeit leisten, an einen großen runden Tisch setzen und eine gemeinsame Basis entwickeln und sich miteinander solidarisieren, erklärt Zürcher. Das sei jedoch einfacher gesagt, als getan, wie Schubert anmerkt. Denn wer sich von der Krise isoliert fühle und Angst um seine Zukunft habe, könne sich auch nur schwer mit anderen solidarisieren. „Der Wunsch nach einer Solidarisierung war groß“, sagt Schubert. Jedoch sei in dieser Richtung bisher nichts passiert.

Um den Organisationen ihren Fortbestand zu sichern, sei aber auch die Politik in die Pflicht zu nehmen. Dort würden in der kommenden Zeit die Diskussionen geführt, die entscheiden würden, wer die Krise überstehe und wer nicht. Damit dabei nicht die sozialen Einrichtungen hinten runter fallen würden, müssten die Kommunen die Voraussetzungen für ihren Fortbestand schaffen.

Doch auch die Gesellschaft müsse sich hinter diese stellen. „Die Politik muss einen Rahmen schaffen, aber die Gesellschaft muss sich ebenfalls für ihre eigenen Interessen einsetzen“, sagt die neue Leiterin. Dass die Gesellschaft dies tue, wenn es ihre eigene Lebenswirklichkeit, wie beispielsweise bei Fahrradwegen an viel befahrenen Straßen, betreffe, sei ein gutes Zeichen, wie Zürcher erklärt. Jedoch müsse es auch im ureigensten Interesse liegen, dass Freunde und Familie, die in schwierige Situationen geraten, in ihrer Region auf Hilfsangebote zurückgreifen können.

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