Prorektor wünscht sich „Stendal Hochschulstadt“ auf den gelben Tafeln

Stendal: Ein Professor kratzt am Ortsschild

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Stendal Hochschulstadt steht auf einem fiktiven Ortsschild. Inwieweit die Initiative nötige Unterstützung in der Politik findet, wird sich zeigen.

Stendal – Stendal ist eine Hochschulstadt. „Doch im Stadtbild ist das noch nicht angekommen“, findet Prof. Dr. Volker Wiedemer. Schon der Weg zum Standort an der Osterburger Straße sei schlecht ausgeschildert.

Prof. Dr. Volker Wiedemer nahe seinem Büro. In Haus 2 ist nicht zuletzt die Verwaltung untergebracht. Fast alle Hochschulgebäude waren früher einmal Teil einer Kaserne.

„Bis auf ganz wenige Ausnahmen fehlen einfach die Hinweisschilder an den wichtigen Straßen und Kreuzungen. “ Der gebürtige Baden-Württemberger, seit gut eineinhalb Jahren Prorektor in Stendal, möchte das ändern und verstärkt das Gespräch mit Politik und Verwaltung suchen. Der 48-jährige Professor für Volkswirtschaftslehre wünscht sich noch viel mehr: Am liebsten würde Wiedemer Stendal die Hochschulstadt auf alle Ortsschilder schreiben lassen. Dort steht bislang Hansestadt.

Wiedemer: Weg schlecht markiert

Das eine müsse das andere ja nicht ausschließen, wenngleich der Titel Hochschulstadt natürlich in die Zukunft weise und sich nicht allein auf eine recht große Vergangenheit verlasse. „Fakt ist nun einmal, dass sich Städte, die eine Hochschule haben, besser entwickeln.“ Das Potenzial müsse aber auch gezeigt und genutzt werden. „Wer heute am Bahnhof ankommt, sieht nicht die Hochschulstadt.“ Wiedemer kann sich im Gebäude vor allem digitale Angebote vorstellen, Filme beispielsweise, die auf die Studienangebote hinweisen. Große Aufsteller auf dem Bahnhofsvorplatz könnten eindrucksvoll den altmärkischen Campus ins Rampenlicht rücken. Ein Bekenntnis zu Stadt und Region.

Titel soll sichtbar Imagemotor sein

Der Professor ist Feuer und Flamme. Ein Bahnhaltepunkt quasi direkt vor der Haustür der Hochschule, für den nach langem Warten nun in zwei Jahren Baustart sein soll, passt Wiedemer gut in die Marketingoffensive. Natürlich müsse der Zugstopp mindestens Hochschule heißen und natürlich sollten auch dort Hinweise auf den altmärkischen Zweig der Hochschule Magdeburg-Stendal zu finden sein. Alle Reisenden sollen ihn sehen, alle sollen davon anderen berichten. Mehr als 200 Hochschulstädte gibt es in der Republik. Dass dies gerade in Süddeutschland zu einer gewissen Schwemme und regelmäßig zu Zoff darüber führt, wer sich den Titel aufs Ortsschild schreiben kann, dürfte auch Wiedemer wissen.

Wobei die akademische Landkarte Sachsen-Anhalts nicht übervoll erscheint, was durchaus für die Idee des Stendaler Prorektors sprechen könnte. An die 2.000 Studenten zählt der Standort, sie wohnen, essen und konsumieren weitere Dinge, lassen Geld in der Region. Die Hochschule bildet Fachkräfte aus, nicht zuletzt Rehabilitationspsychologie und Betriebswirtschaftslehre sind nach wie vor die Magneten. Die Hochschule kooperiert mit Industrie und Handwerk. Stärkung des ländlichen Raums, Nachhaltigkeit, Gesundheitsversorgung und Inklusion könnten auch noch viel mehr ihre Themen sein. Der 48-Jährige kann sich sehr gut zusätzliche Studieninhalte, ja sogar neue Studiengänge in Stendal vorstellen.

Autonomie-Traum nicht verteufelt

Für ein Beispiel muss er nicht lange überlegen. Eine Ausbildung irgendwo zwischen Krankenschwester und Arztberuf könnte Stendal bereichern und als Medizin fast überall in chronisch unterversorgten ländlichen Räumen helfen. Der Professor spricht gegenüber der AZ von Pioniergeist, obgleich Stendal sich natürlich etabliert habe. Eben von jenem Geist, den schon den Gründern der Fachhochschule, wie es sie damals gab, nachgesagt werde. 1992 wurde der Standort aus mehreren vereinzelten Gebäuden im Stadtgebiet eröffnet, ab 2001 erfolgte der Umzug an die Osterburger Straße, der Campus wuchs. Anfangs war sogar von einer eigenständigen Hochschule Stendal ohne Magdeburg die Rede.

Die Frage, ob dieser Traum vieler Stendaler Gründungsväter und -mütter denn vielleicht irgendwann doch noch Realität werden könnte, bringt den Prorektor nicht groß aus der Ruhe. Er lässt ein paar Sekunden vergehen, lächelt milde und sagt: „Damit beschäftige ich mich nicht. Aber einmal ganz spekulativ und grundsätzlich gedacht, müsste Stendal dann aber auch noch viel mehr ganz allein stemmen.“ Prof. Dr. Wiedemer ist im April 2018 auf Prof. Dr. Wolfgang Patzig im Amt des Prorektors gefolgt. Alle vier Jahre wird neu gewählt. Ob er eine zweite Amtszeit anstrebt, dazu will und kann er sich noch nicht äußern. Wie eine Absage an Stendal und die Hochschule dort klingt es aber nicht, im Gegenteil.

VON MARCO HERTZFELD 

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