„Brauchen jüdisches Leben“

Stendal: Pläne für Magdeburger Synagoge wirken bis in die Altmark

Stendals Altlandrat Gerhard Miesterfeldt (2.v.r.) im Gespräch.
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Stendals Altlandrat Gerhard Miesterfeldt (2.v.r.) im Gespräch.

Magdeburg / Stendal – Der Bau einer Synagoge in Magdeburg wird immer wahrscheinlicher. Darauf hat Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch (CDU) bei einer öffentlichen Veranstaltung zu Chanukka hingewiesen.

Landesmittel sind vor Monaten nach einigem Hin und Her im Haushalt reserviert worden.

Ob das jüdische Gebetshaus noch während ihrer Amtszeit eingeweiht werden könne, wisse sie nicht. 2021 wird das Parlament neu gewählt. Zu den Gästen im Hof des Hundertwasserhauses zählten Stendals Altlandrat Gerhard Miesterfeldt (SPD) und der gebürtige Havelberger Wulf Gallert (Linke), Vizepräsident des Magdeburger Landtages.

Chanukka im Hundertwasserhaus: Jeden Tag leuchtet eine Lampe mehr.

Die Stadt hat der Synagogen-Gemeinde noch im alten Jahr ein Grundstück an der Julius-Bremer-Straße geschenkt. Ganz in der Nähe befand sich die alte Synagoge, sie wurde ab 1938 von den Nationalsozialisten zerstört. Das Land fördert den Neubau mit 2,8 Millionen Euro, ein Förderverein will 400  000 Euro Spendengelder aufbringen. Miesterfeldt, Mitglied in Förderverein und Kuratorium Neue Synagoge, hatte schon vor gut einem Jahr in der AZ gesagt, dass der Einzugsbereich der Einrichtung den gesamten Norden umfassen könnte. Zwischen Magdeburg und Stendal beispielsweise liegen auf der Straße annähernd 60 Kilometer.

Seit mehr als 1000 Jahren gebe es jüdisches Leben in Magdeburg und Umgebung. „Leider unterbrochen durch Vertreibung, unterbrochen durch Leid, das jüdischen Mitbürgern zugefügt wurde“, erinnerte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) bei der Veranstaltung der Synagogen-Gemeinde. Vom Schlimmsten, von NS-Zeit und Holocaust, sei auch Magdeburg stark betroffen gewesen. „Wir wollen und brauchen jüdisches Leben.“ Wer es nicht wisse: Einer der ersten Beschlüsse der frei gewählten DDR-Regierung habe 1990 sogenannten Kontingentflüchtlingen aus der Sowjetunion mit den Weg nach Westen geebnet.

In der Altmark leben momentan allenfalls vereinzelt Juden, eine feste Gemeinde ist nicht bekannt. Jüdisches Leben in der Region hat dieser Tage mehr eine historische Dimension. In Stendal stand eine Synagoge nahe dem Ostwall, eine Tafel erinnert an sie. Außerdem gibt es einen alten jüdischen Friedhof. Der Bau der Synagoge in Magdeburg könnte 2021 beginnen. Der Komplex möge vor allem gläubigen Menschen eine Heimstätte sein, aber auch ein Zeichen gegen aufbrechenden Antisemitismus darstellen, hatte Miesterfeldt, von 1994 bis 1998 Landrat in der östlichen Altmark, schon im AZ-Interview Ende 2018 betont.

Religiöse Unterschiede seien nicht verkehrt, Minderheiten gehörten dazu, zeigte sich Haseloff im Hundertwasserhaus sicher. Junge Menschen, die das so nicht kennen würden, müssten überzeugt werden, „dass es befruchtend wirkt, dass es uns bereichert, dass es einfach gut ist, wenn wir so vielfältig sind“. Allein über diesen „Weg der Toleranz und des gemeinsamen Kennenlernens“ ließen sich Ereignisse wie der Anschlag von Halle zukünftig vermeiden. Am 9. Oktober wurden dort zwei Menschen getötet, zuvor hatte der mutmaßliche Täter, ein Neonazi, versucht, in eine Synagoge einzudringen.

Sachsen-Anhalt ist offenbar das einzige Bundesland, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg keine neue Synagoge gebaut wurde. Das soll sich ändern, Pläne dafür existieren seit den 1990er-Jahren. Wann der Startschuss fällt, scheint noch offen. Die Landesmittel fließen, wenn die zuständigen Fachausschüsse des Landtages dem Konzept endgültig grünes Licht geben und ein konkreter Bauentwurf vorliegt. Wie die Nutzung der Synagoge im Detail aussehen kann, darüber soll es nach wie vor Uneinigkeit zwischen der federführenden orthodoxen Synagogen-Gemeinde und der liberalen jüdischen Gemeinde geben.

Streit zwischen den zwei jüdischen Gemeinden in Magdeburg, ungenügend geklärte Baufragen und fehlendes Geld haben das Projekt zu einer scheinbar unendlichen Geschichte werden lassen. Auch die Abgeordneten wollten überzeugt werden. Zuletzt hatte der Steuerzahlerbund Sachsen-Anhalts die Fördermittel für den Synagogenneubau infrage gestellt, was ihm nicht zuletzt von SPD und Linke den Vorwurf einbrachte, instinktlos und mit mangelndem Geschichtsbewusstsein aufzutreten. Bei der Veranstaltung zu Chanukka, dem achttägigen Lichterfest, war all dies allenfalls ein Thema am Rande.

Chanukka findet alljährlich zum Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahre 164 vor der Zeitenwende statt. Ministerpräsident Haseloff sprach nun an diesem Dezembertag in Sachsen-Anhalts Hauptstadt noch eine Einladung aus. Zum Auftakt des Beethovenjahres 2020 in Magdeburg spielen Viktoria Malkowski (Violine) und Hagen Schwarzrock (Klavier) am 23. Januar, einem Donnerstag, in der Staatskanzlei an der Hegelstraße. Interessierte seien willkommen. Das Benefizkonzert beginnt um 18 Uhr. Der gesamte Erlös soll dem Neubau der Synagoge zugutekommen.

VON MARCO HERTZFELD  

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