Rentner soll das Sorgenkind lehren

Stendal: Neue Initiative gegen Schulabbruch setzt auf die engagierte Bürgerschaft

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Wenn selbst der Hauptschulabschluss nicht gelingt, stehen einem nicht unbedingt viele Tore offen.

Stendal – „Es gibt so viele Akteure. Da frage ich mich, warum die Zahl der Schulabbrecher derart hoch ist. “ Prof.

Hans-Jürgen Kaschade überfliegt eine Liste und kommt auf mindestens zehn Organisationen im Landkreis Stendal, die sich in irgendeiner Form dem Thema widmen, oftmals fließt Fördergeld. Seine Initiative soll unten ansetzen, an der Basis, nicht zuletzt bei Frührentnern und Pensionären, allen, die sich jungen Leuten in schwierigen Situationen annehmen wollen. Der Gründungsrektor der Hochschule in Stendal ist überzeugt: „Viele dieser Kinder und Jugendlichen können doch rechnen und schreiben. Es sind oftmals soziale Probleme und da können engagierte Bürger mehr helfen als andere. “.

Prof. Hans-Jürgen Kaschade, Bildungswissenschaftler

Mehr als 2000 Jugendliche haben vergangenes Jahr in Sachsen-Anhalt die Schule verlassen, ohne wenigstens den Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben. Die Quote ist im Vergleich zu 2015 noch einmal um gut eineinhalb Punkte gestiegen und liegt bei 11,4 Prozent. Das ist die zweithöchste Abbrecher-Quote deutschlandweit. Der Bundesschnitt liegt bei etwa sieben Prozent. Laut einer Studie der Caritas sorgt der Landkreis Stendal mit für dieses negative Bild. Die Quote bewegt sich dort bei über zehn Prozent und ist um etwa eineinhalb Punkte gestiegen, nur wenige Landkreise sind noch schlechter. Auch wenn nicht alle Länderdaten einfach so miteinander vergleichbar sein dürften, die Herausforderung besteht.

Prof. Kaschade kennt diese und weitere Zahlen. Der 79-Jährige ist von Hause aus Sozialpädagoge und Sonderschullehrer und hat für sein Vorhaben bereits einen Mitstreiter gefunden. Der Mann komme aus dem Bildungsbereich und klappere bereits erste Adresse ab. Ihnen gehe es nicht um Bündelung der Kräfte und noch ein Netzwerk, betont Prof. Kaschade im AZ-Gespräch und winkt ab. „Die professionellen Akteure müssen uns kennen und wir sie, nicht mehr und nicht weniger. Wir wollen vielmehr bei den Bürgern einen Sog erzeugen, dass der eine oder andere sich vielleicht regelmäßig eine Stunde Zeit nimmt und einen Schüler betreut.“ Womöglich komme die Stendaler Freiwilligenagentur mit ins Spiel.

Im nächsten Jahr könnte die Initiative so richtig Fahrt aufnehmen. Dass Organisationen und deren Projekte allein nicht den Erfolg bringen, liege auf der Hand. „Ich vermute da mehrere Gründe. Oft sind die Projekte zumindest zeitlich begrenzt, die Anbieter verwalten sich natürlich auch ein Stück weit selbst und so manche Eltern wenden sich ungern an Institutionen. Das alles wollen wir nicht sein, über die eher private Schiene kann einiges vielleicht besser funktionieren.“ Inwieweit die Kaschade-Stiftung eine Rolle spielen kann, bleibt abzuwarten. Das Vorhaben stecke ja noch in den Kinderschuhen. Der Professor weiß um die vielen Facetten der Initiative und denkt dabei übrigens auch an Kinder aus Zuwandererfamilien.

VON MARCO HERTZFELD

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