Mutmaßliche Schmierfinken vor Gericht

Stendal: Justitia greift sich vulgäre Sprayer

Ein Schmiererei „Fick die Kripo“ steht an einer Wand nahe dem Marktplatz in Stendal.
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Eines der noch zahlreichen vulgären Graffiti befindet sich am historischen Marktplatz der Hansestadt Stendal. Fußgänger und Autofahrer haben die Schmähung der Kriminalpolizei seit Jahren tagtäglich vor Augen.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
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Jahrelang sorgte die Pöbelei „Fick die Kripo“ in der Kreisstadt Stendal für Unmut. Nun kommen vier junge Männer für die Schmierereien an Hauswänden vor Gericht. Ob sie tatsächlich gänzlich unpolitisch gehandelt haben, wird sich zeigen.

Stendal – Dass es vor allem diese vier Männer sind, die mit dem Schriftzug „Fick die Kripo“ jahrelang für Unfrieden in Stendal gesorgt haben, davon ist zumindest die Staatsanwaltschaft fest überzeugt. Ihre Ermittlungen sind beendet, Mitte September ist Anklage erhoben worden. Schon bald sollen die mutmaßlichen Schmierfinken vor Gericht stehen. Wann genau dies der Fall sein wird, kann Thomas Kramer, Sprecher der Staatsanwaltschaft, in dieser Novemberwoche 2021 noch nicht mit Gewissheit sagen. „Es lässt sich einfach schwer einschätzen.“ Die vulgären Graffiti trafen Privathäuser und auch öffentliche Objekte wie das Stadtarchiv und das Uenglinger Tor. Einige Pöbeleien mit Farbe sind im Straßenbild noch zu sehen.

Auch Hakenkreuz bei Serie im Spiel

Ordnungsamt und Polizei in der altmärkischen Kreisstadt hatten ab 2016 mit einer regelrechten Serie zu kämpfen. Im März 2019 vermeldete ein Polizeisprecher gegenüber der AZ einen Erfolg, der Abgleich einer DNA-Spur stand noch aus, die Ermittlungen konnten kurz darauf an die Staatsanwaltschaft abgegeben werden. Zwei der Männer waren laut Behördensprecher Kramer zur Tatzeit 17 Jahre alt, die anderen beiden 15 und 16. Da ein Großteil der fast 40 Vergehen, die den vier Stendalern zur Last gelegt werden, zwischen 2016 und 2017 passiert sein sollen, kommt das Jugendstrafrecht zur Anwendung. Der Fall wird demnach vor einem Jugendschöffengericht verhandelt.

Es geht um Sachbeschädigung und gemeinschädliche Sachbeschädigung, Attacken gegen öffentliches Eigentum. Und: Vereinzelt soll auch das Hakenkreuz im Spiel gewesen sein, das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen steht in Deutschland unter Strafe. Zu den möglichen Motiven kann und will sich Kramer nicht groß äußern. Die Polizei-Schmähung lasse sich vielleicht eher links einordnen, ein Hakenkreuz naturgemäß rechts. Inwieweit das Ganze gar politisch getrieben war oder eben nicht, auch dazu könnte vor Gericht noch einiges ans Licht kommen. Inwieweit die Urheber einer bestimmten Szene angehören, darüber wurde mitunter gerade im Internet spekuliert.

Im Erwachsenenstrafrecht würden den jungen Männern empfindliche Strafen drohen. Eine Geldstrafe oder sogar eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren wäre möglich. Im Jugendstrafrecht stehe die erzieherische Wirkung obenan, unterstreicht Kramer auf Nachfrage dieser Zeitung. Bei einer Verurteilung dürften die vier mit Arrest, Arbeitsauflagen oder ähnlichen Maßnahmen rechnen müssen. Zu einem Richterspruch im Zuge der Ermittlungen zu den Pöbeleien gegen die Polizei ist es übrigens bereits gekommen. Ein zunächst der Mittäterschaft verdächtigter Mann, Ende 30, muss eine Geldstrafe zahlen. Einiges deute darauf hin, dass es sich bei ihm um einen Trittbrettfahrer gehandelt habe.

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Pöbelei muss raus aus dem Stadtbild
Polizei und Staatsanwaltschaft machen ihren Job. Das Gericht findet ein Urteil, so oder so. Was seinen behördlichen Gang nimmt, muss sich doch bitte spätestens ab dann auch für alle sichtbar im öffentlichen Leben widerspiegeln. Seit 2016 hat sich die vulgäre Schmiererei regelrecht ins Stadtbild gebrannt. Noch immer sind viel zu viele dieser Schriftzüge an den Fassaden der altehrwürdigen Stadt zu sehen. Natürlich gehen frische Farbe oder gar neuer Putz ins Geld. Doch irgendwann sollte nach der juristischen und vielleicht auch gesellschaftspolitischen Aufarbeitung dieses Ärgernisses überall eines ganz einfach folgen: Schwamm drüber! Zumal Stendal noch immer im Sommer nächsten Jahres den Sachsen-Anhalt-Tag ausrichten möchte und doch sicherlich nicht mit derartiger Pöbelei im Gedächtnis der zahlreichen Gäste bleiben will.

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