Spur ins Ausland keine heiße

Stendal: Inga bleibt auch nach vier Jahren wie vom Erdboden verschluckt

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Auch die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ hat 2015 nicht den erhofften Durchbruch gebracht.

Stendal – Spuren verblassen, Hinweise gehen nur noch spärlich ein. Fast auf den Tag genau vor vier Jahren verschwand Inga Gehricke in Wilhelmshof.

Der Fall sei keineswegs zu den Akten gelegt, das Mädchen nicht verloren gegeben, betont Stendals Polizeisprecherin Beatrix Mertens gegenüber der AZ.

Auch wenn die Ermittlungsgruppe „Wald“ aus bis zu 40 Beamten im Spätsommer 2016 offiziell aufgelöst wurde. Bislang sind insgesamt 2150 Hinweise eingegangen, eine wirklich heiße Spur hat sich die ganzen Jahre über daraus nicht entwickelt. Auch ein Hinweis mit Auslandsbezug, wie es im Polizeijargon heißt, aus diesem Frühjahr führte letztendlich ins Leere. Die damals Fünfjährige bleibt wie vom Erdboden verschluckt.

Wie wahrscheinlich es sei, dass Inga noch lebt, darüber möchte Mertens nicht spekulieren. „Es handelt sich bei dem Fall nach wie vor um einen offenen Vermissten-Vorgang.“ Die Polizei hat damals intensiv im Wald gesucht. Wenn ein Verlaufen oder Wegrennen ausgeschlossen werden kann, ebenso ein Tierangriff, dann dürfte das Mädchen vielleicht entführt worden sein und irgendwo anders leben. Der Täter könnte rein zufällig in der Gegend gewesen sein. Die Ermittler hätten frühzeitig ein Verbrechen für möglich gehalten, dazu gehöre auch die Variante eines „mobilen Täters“. Dass Inga womöglich gar einem Pädophilen in die Hände gefallen ist, könne ebenfalls nicht ausgeschlossen werden.

Der Fall bleibt rätselhaft. Inga ging während eines Festes an den Waldrand, wollte Holz für ein Lagerfeuer sammeln. Sie kehrte nicht zurück. Was am Abend des 2. Mai 2015, nur einige Tage vor ihrem sechsten Geburtstag, genau geschah, lässt sich demnach in der entscheidenden Frage noch immer nicht rekonstruieren. Das Mädchen aus Schönebeck bei Magdeburg war mit den Eltern im Diakoniewerk zu Besuch. Das Gelände ist weitläufig. Ein gutes Dutzend Häuser steht dort, offenbar hat niemand mitbekommen, wie die Kleine plötzlich verschwand. Spekulationen und Gerüchte in der Bevölkerung hat es von Anfang an gegeben. Die forensische Psychiatrie, in der auch Triebtäter und Kinderschänder sitzen, ist nah.

Mertens dürfte all diese Spekulationen kennen und spricht selbst mehrmals von mehreren möglichen Versionen. Fakt sei: „Die Ermittlungen wurden zu keiner Zeit unterbrochen, sondern liefen nahtlos im Zentralen Kriminaldienst weiter, sodass dieser Fall aus unserer Betrachtung kein Altfall darstellt.“ Und: „Der Fall Inga ist allen Kollegen noch sehr präsent, eine Sensibilisierung der Beamten für mögliche Hinweise ist immer noch gegeben.“ In diesem Jahr gingen davon bislang gerade einmal vier ein. Die Ermittler suchten nach wie vor nach neuen Ansätzen und hofften auf den entscheidenden Tipp. Und noch einmal: „Eine Entführung ist weiterhin als eine von mehreren Versionen möglich.“

Wäre der Besuch in der Altmark nicht derart einschneidend verlaufen, Inga, heute knapp zehn Jahre alt, würde wahrscheinlich eine Grundschule im Salzlandkreis besuchen. Die Anteilnahme, gerade in der Anfangszeit und im oberen Teil Sachsen-Anhalts, ist groß. Zwischen Wilhelmshof, Teil der Stendaler Ortschaft Uchtspringe, und Schönebeck liegen vielleicht 100 Kilometer, das ist nicht die Welt. Der Vater, ein Kommunalpolitiker, bedankte sich damals öffentlich. Auf der Internetseite des Diakoniewerks Wilhelmshof, einer Einrichtung der Behindertenhilfe und der Suchthilfe, findet sich auch aktuell ein Gebet für Inga. Darin bittet die Wilhelmshof-Gemeinschaft um Kräfte und Durchhaltevermögen für die Polizei.

Polizeisprecherin Mertens ist unverändert wichtig: „Dass der Kontakt mit den Angehörigen auch weiterhin im gegenseitigen Vertrauen bestehen bleibt.“ Mindestens 1000 Polizisten, Feuerwehrleute und Helfer suchten im Mai vor vier Jahren nach dem Mädchen aus der Kleinstadt an der Elbe. Die Ermittler setzten Spürhunde ein, ließen ganze Waldgebiete durchkämmen, Hubschrauber aufsteigen und Lautsprecherwagen die Umgebung abfahren. Sie fahndeten bundes- und europaweit. Plakate in Einkaufsläden, Tankstellen und weiteren Orten sowie mehrere Aufrufe im Fernsehen blieben ebenfalls ohne Erfolg. Auch eine ausgesetzte Belohnung in Höhe von 25.000 Euro für den entscheidenden Hinweis brachte nichts.

VON MARCO HERTZFELD 

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