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Stendal: Gute Seelen im Krankenhaus

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Von: Stefan Hartmann

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Zwei Frauen legen jeweils einen Arm um die andere und lächeln sich an.
Colli (links) und Gusti kennen sich schon seit Jahren und haben lange im Krankenhauskiosk zusammengearbeitet. © Hartmann, Stefan

Einen Kiosk im Krankenhaus zu betreiben bedeutet mehr, als nur Kaffee zu kochen und Zeitschriften zu verkaufen. Manchmal benötigen die Patienten auch jemanden zum Reden. Aber die Zukunft des Kiosk sieht nicht rosig aus. 

Stendal – Welchen Kaffeegeschmack jemand hat oder welcher kleine Snack es täglich sein soll, weiß Gusti Paetsch bereits beim zweiten Besuch. Immer wieder muss sie während des AZ-Gesprächs eine kurze Pause machen, um die Kundschaft des kleinen Kiosk im Eingangsbereich des Stendaler Krankenhauses zu bedienen – aber nicht oft genug. Corona und die damit einhergehenden Besuchsbeschränkungen setzen dem Geschäft zu. Die Kündigung für die Fläche liegt bereits seit einigen Tagen unterschrieben hinter dem Verkaufstresen.

Bereits aufhören musste Nicolle Jänkel, von den meisten nur „Colli“ genannt. „Manchmal auch Kioskfrau, die Kleine oder die mit dem Wagen“, ergänzt sie. Denn vor den Besuchsbeschränkungen war das Team vom Kiosk auch häufiger mit einem kleinen Wagen auf Stationsfahrt, um den Kunden, die Schwierigkeiten hatten, nach unten zu kommen, etwas vorbeizubringen. „Da war alles mit dabei“, sagt Gusti. Natürlich bunte Zeitschriften, wenn eine neue Ausgabe erschienen ist, kleine Snacks aber auch alles andere, was gebraucht wird, haben die beiden als Team möglich gemacht. „Stell dir mal vor, du musst schnell ins Krankenhaus, aber deine Familie lebt in Honolulu“, bringt es Colli auf den Punkt. Deshalb hätten die Beiden auch Schlafanzüge oder Unterwäsche besorgt. „Man bekommt viel Dankbarkeit zurück, wenn man jemandem so unter die Arme greift“, sagen die beiden Frauen. So eine Unterstützung vergessen die Meisten nicht – und erkennen sie noch Jahre später beim Einkauf wieder.

Manchmal war es aber auch kein Produkt, das die Menschen auf Station gebraucht haben. „Die Kunden wollten einfach mal ein Lächeln haben“, erklärt Colli, was manchmal im Krankenhausalltag zu kurz kommt. So wollten die beiden Frauen vom Kiosk mit Freundlichkeit und einem Lächeln den Menschen ihren Krankenhausaufenthalt etwas angenehmer gestalten. Ein Vorwurf gegenüber dem Klinikpersonal sei das jedoch keineswegs. Dass Ärzte und Pfleger für Zwischenmenschliches nicht so viel Zeit haben, sie sie es vielleicht gerne hätten, sei schließlich kein Geheimnis.

So hätten die beiden Freundinnen auch im Krankenhaus mit den Patienten, Besuchern und Personal Freundschaften geschlossen. Trotz der Freude, die die beiden dabei ausstrahlen, schwingt darin auch ein Wermutstropfen mit. Denn im Krankenhaus geht nicht jede Geschichte gut aus. „Manche Kunden kamen auch zu uns, um sich zu verabschieden“, sagt Gusti mit einem Glitzern in den Augen. „Das muss man, wenn man abends hier raus geht hinter sich lassen“, erklärt Colli. „Sonst geht man daran kaputt.“

Auch den Kiosk muss Gusti möglicherweise bald hinter sich lassen. Die Kündigung ist bereits geschrieben, aber übergeben will Gusti sie persönlich – und noch einmal das Gespräch suchen. Das Krankenhaus sei ihr bereits entgegengekommen und hätte drei Monate die Miete erlassen, aber trotz allem blieben die Einnahmen zu klein. Schließlich müsse sie mit der Ware für den Kiosk immer in Vorkasse gehen. Vielleicht könne sich noch eine Lösung finden, hofft Gusti.

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