„Werden kulturell verrohen“

Stendal: Friedensbewegte warnt vor Frauenbild in Flüchtlingsfamilien

Ingrid Fröhlich-Groddeck, Friedensbewegte und Katzenfreundin, vor knapp drei Jahren.
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Ingrid Fröhlich-Groddeck, Friedensbewegte und Katzenfreundin, vor knapp drei Jahren.

Stendal – Ingrid Fröhlich-Groddeck, ein Urgestein der ostdeutschen Friedens- und Ökologiebewegung, will eine breite Diskussion über Gleichberechtigung anstoßen und spannt den Bogen in einem Schreiben an die AZ nun deutlich weiter.

Als Folge der Migration kämen immer mehr Familien in dieses Land, die in patriarchalen Verhältnissen leben würden.

Der Mann verliert demnach seine Ehre in diesen Strukturen, wenn er nicht Herr im Hause ist. Vor dem Hintergrund, so die Stendalerin, kann das harmlos scheinende Verfahren „Jungen zuerst“ für „traditionelle Patriarchen“ ebenso wie für „deutsche Machos“ diese „ermunternde Botschaft“ bedeuten: „Männer sind die Nummer 1 und Frauen haben zu gehorchen!“

Derartige Botschaften sollten unter allen Umständen vermieden werden im Interesse einer gelingenden Integration, ist die Altmärkerin überzeugt. Ihrer Wahrnehmung nach ist es der mehrheitliche Wunsch der Bürger, dass Geflüchtete in der Gesellschaft würdig aufgenommen werden. „Wenn Fremde integriert werden, das zeigt die Geschichte der Völkerwanderung, entsteht gegenseitige Bereicherung. Wenn aber durch mangelhafte Integrationskonzepte, so wie nicht nur ich sie wahrnehme, Parallelgesellschaften entstehen, werden wir kulturell und sozial verarmen, wenn nicht gar verrohen“, meint die gebürtige Tschechin. Ende August hatte sie mit einem Offenen Brief für ziemliches Aufsehen gesorgt.

Darin kreidete sie einer Stendaler Schule an, bei der Aufnahme neuer Kinder wie selbstverständlich zuerst die Jungen und dann erst die Mädchen nach vorn gerufen zu haben. Die Schulleitung wies die Vorwürfe zurück und führte rein praktische Gründe ins Feld. Danach kam es, wie in der AZ berichtet, zu einer Aussprache. Fröhlich-Groddeck zieht nach ihrem Offenen Brief diese erste Bilanz: „Viel Kopfschütteln, mitleidiges Lächeln, wenig Zustimmung, Missverständnisse und ein gutes konstruktives Gespräch mit der Schulleitung mit angedachten Projektideen.“ Unter anderem soll ein Schülerprojekt „Gleichberechtigung“ entstehen, auf Vorschlag der Pädagogen und unter Mitwirkung der Stendaler Aktivistin.

Jungen zuerst und dann die Mädchen klinge harmlos. Was würden die Menschen aber sagen, wenn es hieße: Deutsche zuerst, dann Ausländer. Fröhlich-Groddeck, Anfang 80, hofft, dass die meisten empört wären. Und weiter: „Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich in meinem Offenen Brief behaupte: Auch nach 70 Jahren Grundgesetz ist durchaus nicht in allen Köpfen und Herzen der Menschen: Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Dieser Grundsatz sei ein hohes Gut, das es zu schützen gelte. Nach der politischen Wende sei sie Abgeordnete im ersten Stendaler Stadtparlament gewesen, erst nach einem zähen Ringen habe es eine Mehrheit für ein Frauenhaus in dieser Stadt gegeben.

Nach ihrem Renteneintritt habe sie mehr als ein Jahrzehnt lang regelmäßig vor allem von Frauen besuchte Wochenendseminare gegeben. Es sei immer wieder vorgekommen, dass eine der Frauen geklagt habe, das nächste Mal könne sie leider nicht kommen, ihr Mann hätte ein Fußballspiel oder Ähnliches. Auch von Hohn und Spott der Kumpel, die Frau zu einem eigenen Seminar gehen zu lassen, sei die Rede gewesen. Letztendlich seien doch alle Frauen erschienen, die Beziehungen gewachsen. Bis auf eine, wo sich das Paar getrennt habe. „Die Frau war der Überzeugung, die massive Verhöhnung des Partners war die Angst der anderen Männer, ihr Frauen könnten auch nicht mehr spuren.“

Fröhlich-Groddeck meldet sich immer wieder einmal öffentlich zu Wort. Vor knapp drei Jahren zählte die Stendalerin zu den 20 Erstunterzeichnern eines Offenen Briefes an die Kämpfer und Anhänger des Islamischen Staates (IS) und gab der AZ ein größeres Interview. In dem Papier des Internationalen Versöhnungsbundes distanzieren sich Christen von den Gewalttaten bestimmter muslimischer Gruppen.

Fröhlich-Groddeck ist religiös, fühlt sich an keine Konfession und Partei gebunden. Der Versöhnungsbund ist eine Friedensorganisation, die von Christen gegründet wurde und heute Angehörige aller Weltreligionen umfasst. Er hat Beratungsstatus bei den Vereinten Nationen. Das Interview mit der Überschrift „Brauchen integre Politiker“ aus 2016, in dem Fröhlich-Groddeck auch von „Systemfehlern“ der westlichen Welt spricht, lässt sich übrigens noch auf az-online finden.

VON MARCO HERTZFELD 

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