Stendaler Zeugnis fängt sich Virus ein

Schulabbrüche im Kreis Stendal: Corona gefährdet Abbau der Negativzahl

Ein Junge sitzt auf einer Tischtennisplatte. Neben ihm steht sein Schulranzen.
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Ein Junge sitzt mit seinem Ranzen auf einer Tischtennisplatte auf einem Spielplatz. Schulschwänzen bleibt ein Dauerthema, Corona hin, Corona her. Wenngleich das Schwänzen nicht automatisch in einem Schulleben ohne Abschluss enden muss.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Die Befürchtung ist groß: Die Zahl der Schulabbrüche und die der jungen Leute ohne richtigen Abschluss könnte durch die Coronakrise wachsen. Dabei haben Sachsen-Anhalt und der Landkreis Stendal auch so schon hohe Zahlen.

Magdeburg / Stendal – Die Corona-Pandemie könnte die Zahl der Schulabbrecher und jungen Leute ohne einen anerkannten Abschluss in der Tasche nach oben treiben. Die Befürchtung: Weil weniger normaler Unterricht stattfindet und Lernhilfe daneben sich kaum organisieren lässt, fallen mehr Jugendliche endgültig durch. Das Schuljahr 2019/20 war in der zweiten Hälfte von der allgemeinen Krise erstmals betroffen, Schulen waren länger geschlossen. 1773 von 17 451 Schulabgängern in ganz Sachsen-Anhalt standen am Ende ohne mindestens den Hauptschulabschluss da, im Landkreis Stendal waren es 132 von 966. Im Vergleich zu den Vorjahren sinken die Zahlen, ein mögliches Zerrbild. Und natürlich: Verlässliche aktuelle Angaben fehlen, weil das Schuljahr 2020/21 schlichtweg noch läuft.

Allgemeiner Trend vorerst rückläufig

Die Jugendämter in Deutschland rechnen laut Medienberichten in der Pandemie mit doppelt so vielen Schulabbrechern als in den Jahren zuvor. Ihre Bundesarbeitsgemeinschaft warnte erst kürzlich, voraussichtlich mehr als 200 000 Kinder und Jugendliche würden im Coronajahr vorzeitig die Schulen verlassen. Dabei haben die Länder doch mit der Flüchtlingskrise 2015/16 erst eine zusätzliche Herausforderung bewältigen müssen. Und: Auch wenn der Trend vorerst sogar rückläufig blieb, hat Sachsen-Anhalt im bundesweiten Vergleich nach wie vor die höchste Schulabbrecherquote. Die Zahlen von oben nur anders ausgedrückt: Ungefähr jeder zehnte Jugendliche in Sachsen-Anhalt verließ die Schule ohne Abschluss, es sind fast 10,2 Prozent. Im Landkreis Stendal waren es sogar rund 13,7 Prozent der Schüler.

13,7 Prozent ohne richtigen Abschluss

Im ersten Schuljahr unter Coronaeinfluss sank die Zahl der Abbrecher. „Was möglicherweise damit zusammenhängt, dass es für Abschlussklassen die Möglichkeit gab, auch trotz Schulschließungen in Präsenz unterrichtet werden zu können“, schätzt Josefine Hannig auf Nachfrage der AZ für das Bildungsministerium in Magdeburg ein. „Zudem gab es und gibt es die Möglichkeit einer freiwilligen Wiederholung eines Schuljahrgangs, was höchstwahrscheinlich motivierender gewirkt haben könnte, als den kompletten Schulabbruch in Kauf zu nehmen.“ Wie lange Corona noch Besonderheiten schafft, kann niemand sagen. Inwiefern und wie ausdauernd sich Politik und Schulverwaltung bei den Anforderungen an Schüler ein Stück großzügiger geben können, muss sich erst noch zeigen.

Ehrenrunde statt des kompletten Aus

Tobias Kühne vom Landesverwaltungsamt in Halle hat weitere Zahlen zum Vergleich. Und in der Tat: Im Land und im Landkreis war der Trend im Allgemeinen rückläufig, auch wenn es dafür mitunter auf die zweite Stelle hinterm Komma ankommt und die Zahlen in der Republik so gesehen nach wie vor kein Ruhmesblatt sind. Im Schuljahr 2017/18 blieben in ganz Sachsen-Anhalt 2004 von 17 457 Schülern ohne Abschluss, das sind 11,47 Prozent. 2018/19 waren es 1995 von 17 460 Schülern und 11,42 Prozent. Der Landkreis Stendal liegt auch für diese Zeit prozentual deutlich darüber. 2017/18 standen 148 von 986 Schülern (15 Prozent) ohne Abschluss da, 2018/19 waren es 141 von 1014, also 13,9 Prozent. Inwieweit Corona die Situation noch einmal verschärft, bleibt abzuwarten.

Flüchtlinge, Erfolge und die Uni-Studie

Das Land hat bereits 2020 bei der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg eine Studie in Auftrag gegeben. Sie soll die Ursachen der hohen Anzahl von Sekundar- und Gemeinschaftsschülern ohne Hauptschulabschluss erkennen helfen. „Die Erkenntnisse sollen sich auf schulische und unterrichtliche Merkmale sowie auf die Prävention und den Umgang mit Schulabsentismus beziehen“, lässt Ministeriumssprecherin Hannig weiter wissen. Absentismus meint dort nicht zuletzt Schulschwänzen und Schulunlust. „Die Studie soll auch Handlungsempfehlungen für Lehrkräfte, Schulen und Schulleitungen sowie bildungspolitische Einrichtungen ableiten.“ Bis zum Jahresende sollen die Studienergebnisse vorliegen. Corona könnte mehr als ein Kapitel einnehmen.

Die Flüchtlingskrise von vor sechs Jahren wirkt nach. Gerade anfangs gab es eine deutliche Zunahme von Personen ohne ausreichend Deutschkenntnisse an den Schulen. „Was mitunter noch einmal zu einer kurzen Spitze an Schulabbrecherinnen und Schulabbrechern führte“, erinnert Hannig. „Das System erfolgreicher Schulsozialarbeit und des Programms ,Schulerfolg sichern’ hat sich aber auch in diesem Bereich in den vergangenen Jahren bezahlt gemacht und im Land manifestiert“, meint die Sprecherin. Inwieweit die Erfolge, wenn auch recht überschaubar, in Land und Landkreis durch die Coronakrise zunichtegemacht werden könnten, dazu äußert sie sich nicht weiter. Die Langzeitschäden für das Bildungswesen dürften derzeit noch schwerer einzuschätzen sein.

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