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Stendal: Angst hat Geflüchtete fest im Griff

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Von: Stefan Hartmann

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Eine Frau spielt mit ihren zwei Kindern.
Julia (29) ist gemeinsam mit ihren Kindern Nikita (3) und Milana (7) aus der Ukraine geflohen und gegen 3 Uhr morgens in Stendal angekommen. © Hartmann, Stefan

Mittlerweile sind 74 Menschen aus der Ukraine in der Erstaufnahmestelle des Landkreises untergebracht. Nicht nur von der Reise müssten sie sich erholen. Der Betreuungsbedarf sei höher, erklärt Stabsleiter Sebastian Stoll.

Stendal – Mit Stand von Freitagmittag sind 74 Flüchtlinge aus der Ukraine in der Stendaler Notunterkunft an der Bahnhofstraße angekommen. Ursprünglich war sie nur für 60 Personen vorgesehen. Ihre Kapazität wird aber stetig ausgebaut, erklärt Sebastian Stoll, stellvertretender Landrat und Leiter des Stabs für außergewöhnliche Ereignisse.

Eine von den Geflüchteten ist die 29-jährige Julia. Gemeinsam mit ihren beiden Kindern Nikita (3) und Milana (7) war sie insgesamt 30 Stunden unterwegs, um aus einem kleinen Dorf bei Schytomyr zu fliehen. „Ich weiß überhaupt nicht, wohin ich zurückkehren werde“, erklärt sie mithilfe von Einrichtungsleiterin Natalie Schmidt, die beim Übersetzen hilft. Denn von ihrem Dorf sei nicht mehr viel über. Viele andere Bewohner seien ebenfalls geflohen. Ihr Vater habe sich jedoch entschieden zu bleiben, sagt sie. Wie es ihm geht, weiß sie jedoch nicht. Obwohl sie es oft versuche, könne sie ihn nicht erreichen. Auch ihre Cousine befindet sich auf der Flucht. Sie sei gerade in Polen und versuche ebenfalls nach Stendal zu kommen.

Die Leiterin der Stendaler Erstaufnahmeeinrichtung für ukrainische Kriegfsflüchtlinge Natalie Schmidt (rechts) legt einen Arm um die Geflüchtete Julia.
Einrichtungsleiterin Natalie Schmidt (r.) hilft Julia und den vielen weiteren Flüchtlingen beim Überwinden der Sprachbarriere. © Hartmann, Stefan

Ihr und ihren Kindern gehe es momentan recht gut, auch wenn ihnen allen noch die Angst in den Gliedern steckt. Besonders der dreijährige Nikita werde nachts oft wach und fängt an zu weinen. Sie selbst hat auch mit dem Trauma zu leben: Panikattacken und Atemnot quälen sie momentan. Sie sei sehr dankbar, dass sie so gut in Stendal untergekommen sei. Wie hilfsbereit die Leute seien, freue sie sehr, habe sie aber auch überrascht. Für sich und ihre Kinder wünsche sie sich derzeit Ablenkung vom Stress und der Flucht. Wenn sich jemand fände, der mit ihnen in den Tierpark geht, das würde sie freuen. Auch der Wunsch danach, einen Sprachkurs zu belegen, steht bei ihr hoch im Kurs.

„Wir haben das Gefühl, dass der Betreuungsbedarf höher ist als währen der letzten Krise“, erklärt Stoll auf Nachfrage. Auch Sprachmittler würden noch gebraucht. Dabei müsse es nicht zwangsläufig Ukrainisch sein, auch Russisch würde schon helfen. Wer seine Fähigkeiten einbringen möchte, könne sich bei der Freiwilligen-Agentur Altmark melden. Dort würden die Kräfte gesammelt und gebündelt, um den Geflüchteten zu helfen. Momentan bedeute das jedoch auch einen großen persönlichen Einsatz. Der bislang letzte Bus mit Flüchtlingen kam am Freitagmorgen um 3 Uhr an und brachte 39 Kriegsflüchtlinge mit sich. Geplant war dessen Eintreffen erst für 4 Uhr, weshalb die Helfer zur Vorbereitung um 3.30 Uhr einbestellt waren, fasst Stoll die Ereignisse zusammen. Sprachmittler müssten deshalb derzeit noch spontan mit möglicherweise nur einstündiger Vorwarnung oder auch gar keiner aktiv werden können. Das sei mit ehrenamtlichen Kräften kaum zu Leisten, stellt Stoll fest. Deshalb werde daran gearbeitet, die Arbeit der Erstaufnahmeeinrichtung ins Hauptamt zu übergeben. Bislang stemmen die Johanniter-Unfall-Hilfe und das DRK einen Großteil der Arbeit. Stoll hofft, dass eine der beiden Einrichtungen die Notunterkunft weiterführen werde. Es seien einfach gute, und gut vernetzte, Fachdienste, lobt Stoll beide gleichermaßen.

Bernd Birkholz (v.l.), Christian Michael und Sebastian Stoll stehen in einem Zimmer der Stendaler Erstaufnahmeeinrichtung für ukrainische Kriegsflüchtlinge.
Johanniter-Unfall-Hilfe, DRK und der Landkreis arbeiten vertreten durch Bernd Birkholz (v.l.), Christian Michael und Sebastian Stoll zusammen. © Hartmann, Stefan

Die Einrichtung soll immer nur übergangsweise genutzt werden. Nach durchschnittlich drei oder vier Tagen sollen die Geflüchteten in Wohnungen untergebracht sein, damit sie wieder für die Erstaufnahme anderer Flüchtlinge zur Verfügung steht. Wie viele es werden, könne noch nicht gesagt werden. Für die kommenden 24 Stunden gebe es keine Ankündigung, oder sogar die leichte Entwarnung, dass mit keinem neuen Bus gerechnet werden müsse. Aber auch einzelne Flüchtlinge tröpfeln permanent ein.

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