Stasi auch 2011 ein Thema

Dr. Wolfgang Laßleben ist stellvertretender Stasi-Beauftragter des Landes Sachsen-Anhalt

Bismark. Wer meinte, dass das Thema Staatssicherheit und ihre Folgen im Jahr 2011 ad acta gelegt worden sei, sah sich gestern getäuscht. Beim Sprechtag der sachsen-anhaltinischen Stasi-Unterlagen-Behörde herrschte großer Andrang. Und Referent Dr. Wolfgang Laßleben, der auch stellvertretender Landesbeauftragter ist – diese Position ist seit dem vergangenen Jahr vakant – konnte den Eindruck auch mit Zahlen bestätigen. „Es gibt ganz und gar keinen Rückgang zu verzeichnen“, sagte er. Von Thomas Pusch

Rund 60 Personen hatten sich zur Sprechstunden-Halbzeit bei ihm und den beiden besonders für die Diktaturfolgenberatung ausgebildeten Sozialarbeitern von der Caritas, Klaus Blaser und Hans-Peter Schulze, im Verwaltungsgebäude eingefunden. Der größte Teil davon hatte den Wunsch Einsicht in seine Stasi-Unterlagen zu nehmen. Andere wiederum stellten Fragen zur Rehabilitierung. Etwa weil sie im Gefängnis gesessen hatten oder unter beruflichen Beeinträchtigungen litten, die nun wiederum zu Einbußen bei der Rente führen.

Eine Veränderung hat er aber durchaus beim Alter der Anfragenden festgestellt. „Die werden jünger, sind jetzt meist um die 50“, so Dr. Laßleben. Insgesamt wurden in der Außenstelle Magdeburg im vergangenen Jahr 5500 Anträge bearbeitet, in ganz Deutschland seien es rund 100 000 Anträge jährlich. Dies seien recht konstante Zahlen.. Nur weniger als ein Drittel der Antragsteller sei nicht erfasst. Das zeige, dass die Menschen schon ein sehr gutes Gespür hätten, ob sie beobachtet wurden oder nicht.

Nach der Antragstellung durchlaufen die Angaben zunächst eine Datei. Nach etwa einem halben Jahr kann festgestellt werden, ob eine Karteikarte geführt wurde. Gibt es darauf dann den Hinweis auf eine Akte, muss weiter gesucht werden. „Das hat nicht immer Erfolg, denn viele Akten wurden ja gleich 1989 vernichtet“, gab der Referent zu bedenken. Ist die Akte dann aufgetaucht, muss sie nach Hinweisen auf Dritte durchsucht werden, die geschwärzt werden. Hauptamtliche oder informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit werden genannt. IMs allerdings zunächst nur mit ihrem Decknamen. Bis zu 85 Blatt werden als Kopien verschickt oder die Akte kann in der Magdeburger Außenstelle eingesehen werden. Bis dahin dauert es laut Dr. Laßleben ungefähr zwei Jahre. Wer dann noch die Klarnamen der Spitzel wissen will, muss sich noch ein weiteres halbes Jahr gedulden. Insgesamt bis zu zweieinhalb Jahre. Dr. Laßleben ist froh, dass sich so viele nicht von der Wartezeit abschreicken lassen.

Wenn es nach dem Willen des neuen Leiters der Bundesbehörde geht, soll das auch so bleiben. Dr. Laßleben war bei der Amtseinführung von Roland Jahn, dem Nachfolger von Marianne Birthler, der Montag seine Ernennungsurkunde überreicht bekam. „Er will auch die nachfolgenden Generationen für das Thema sensibilisieren“, gab er einen Einblick in dessen Antrittsrede. Außerdem will sich Jahn den möglicherweise 50 ehemaligen Stasi-Mitarbeitern widmen, die bei der Behörde beschäftigt sind. „Die Beschäftigung ehemaliger Stasi-Mitarbeitern bei der Stasi-Unterlagenbehörde ist unerträglich“, hatte er gesagt. Jeder Stasi-Mitarbeiter bei der Behörde sei ein Schlag ins Gesicht der Opfer.

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