Sowjetischer Ehrenfriedhof im Fokus

Stendals Stalin-Spruch behält seinen Platz

Vor dem sowjetischen Denkmal in Stendal liegen Kränze.
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Nelken und weitere Blumen am Denkmal in Stendal. Am 8. Mai dieses Jahres durften wegen Corona nur nacheinander und mit Abstand Kränze niedergelegt werden.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Ein Spruch, der Stalin zugeschrieben ist, kann Fragen aufwerfen. Die Stadt verweist auf das damalige Konzept für den sowjetischen Ehrenfriedhof in Stendal.

Stendal – Auch im Coronajahr 2021 erinnerten Mitglieder verschiedener Parteien genau dort an die Befreiung vom Nationalsozialismus. Dass ihnen dabei irgendwie auch Stalin über die Schulter schaute, musste sie nicht stören. Der sowjetische Ehrenfriedhof an der Lüderitzer Straße wirkt manchem vielleicht aus der Zeit gefallen und muss doch nicht überflüssig sein. „Der grundlegende Zweck von Ehrengräbern bleibt ein unterstützenswertes Anliegen, auch wenn sich über die Ausgestaltung streiten lässt. Heutzutage würde eine solche Gedenkstätte selbstverständlich anders konzipiert werden“, lässt ein Stadtsprecher wissen. Der Stalin-Spruch in goldenen Lettern behält in einer Demokratie seinen Platz. Auf Marmor steht geschrieben: „Ewiger Ruhm den Helden, die in den Kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit unserer Heimat gefallen sind! Stalin“.

Der sowjetische Ehrenfriedhof liegt direkt an der viel befahrenen Lüderitzer Straße. Ordentliche Parkplätze davor gibt es nicht. Wer dorthin möchte, muss ein Stück laufen.

Einheimische verirren sich selten auf das Gelände am Stadtrand, schließlich ist es gefühlt schon immer da und scheint nur zu bestimmten Tagen interessant. Wer nicht in der DDR aufgewachsen ist, könnte vom Obelisken noch einmal besonders angezogen sein und sich wundern. Dabei passt der dem kommunistischen Diktator zugeschriebene Spruch in Zeit und Raum, Stalin starb 1953. Planungen und erste Arbeiten begannen im Herbst 1945, wenige Monate nach Ende des Krieges. Offiziell eingeweiht wurde der Friedhof am 8. Mai 1949 und der Stadtverwaltung übergeben am 20. Mai desselben Jahres. Rathaussprecher Armin Fischbach hat für die AZ bei seinen Kollegen noch einmal nachgefragt.

Wechsel nicht Sache einer Kommune

Das Thema kann sensibel sein. Im Fachbereich für Friedhofswesen und im Stadtarchiv soll „der doch sehr aggressive Grundton der Fragen aufgefallen“ sein. Gemeint sind die Fragen der Zeitung. Fischbach unterstreicht in der Woche vor Pfingsten für alle: „Ehrenfriedhöfe, Mahnmäler und Gedenkstätten dienen dazu, der Opfer von Krieg und Gewalt in besonderer Weise zu gedenken. Sie halten die Erinnerung für zukünftige Generationen wach und sind ein wichtiger Bestandteil deutscher Gedenkkultur. Der russische Ehrenfriedhof der Hansestadt hilft den Bürgerinnen und Bürgern, sich vor Augen zu führen, welche schrecklichen Folgen Krieg und Gewaltherrschaft haben können.“

Viel Pathos und ansonsten ziemlich harmlos? Den Stendaler Stalin-Spruch gibt es in Deutsch und Russisch.

Gelände befindet sich in Privatbesitz

Die Nazi-Diktatur forderte Millionen Tote, die blutige Stalin-Herrschaft ist eine Geschichte für sich. Das Pathos auf dem Stendaler Stein könnte nicht einfach verschwinden, selbst wenn es dafür eine größere Initiative gäbe. Eine Umgestaltung von Gräbern der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im Sinne des Gräbergesetzes obliege nicht den Kommunen. „Da die Platten und der Obelisk Teil des Grabmals sind, dürften wir diese Änderung gar nicht eigenmächtig vornehmen. Folglich gibt es natürlich auch keine Pläne in diese Richtung.“ Das Friedhofsgelände befinde sich in Privatbesitz. Näher erläutert werden könne das schon mit Blick auf den Datenschutz nicht. Die Stadt ist für die Pflege des Areals zuständig.

Rathaus bekräftigt Erinnerungskultur

Erinnerungskultur ist gesetzlich geschützt und garantiert. „Gesetzliche Regelungen oder gar Fristen zur Überführung sterblicher Überreste in die jeweiligen Heimatländer sind uns nicht bekannt“, ist aus dem Rathaus der altmärkischen Kreisstadt weiter zu erfahren. „Für eine solche Aktion bedürfte es wahrscheinlich politischen Willens von Akteuren in der Russischen Föderation oder der Bundesrepublik Deutschland. Die praktischen Probleme, die sich bei der Überführung fast 80 Jahre alter Überreste ergeben würden, sind hierbei noch gar nicht berücksichtigt.“ Um es klipp und klar zu sagen: Entsprechende Überlegungen oder gar Forderungen sind öffentlich nicht bekannt.

Bestattete bleiben fern der Heimat

In den im Stadtarchiv Stendal vorliegenden Listen aus dem Jahr 1998 werden die Bestatteten in drei Kategorien geteilt – Zivilisten: 78, Militärangehörige: 167, Unbekannte: 96. Insgesamt sind dort also 341 Menschen bestattet. „Den vorhandenen Unterlagen lässt sich nicht entnehmen, ob dort Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene begraben wurden“, heißt es aktuell. In einer Pressemitteilung der Stadt zum Tag der Befreiung 2021 war zuvor die Rede davon gewesen, dass neben sowjetischen Soldaten, die während der Kämpfe in der Region gefallen seien, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter sowjetischer Lager lägen. Weiter und genauer aufklären lässt sich das an dieser Stelle erst einmal nicht.

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