Urkunde: Rathaus verteidigt Stadtjubiläum 2022

1000 Jahre Stendal bleiben umstritten

Archäologen und Helfer graben 2016 im Vorfeld der Marktplatzsanierung in Stendal.
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Wer auf die Anfänge der Siedlungsgeschichte stoßen will, kann da und dort tief graben. Urkunden einer Ersterwähnung können deutlich jünger sein. Das Bild zeigt archäologische Arbeiten 2016 im Vorfeld der Stendaler Marktplatzsanierung.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
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Inwieweit bestimmte Urkunden als Beleg für 1000 Jahre Stendal gelten können, bleibt umstritten. Nach neuerlicher Kritik eines Historikers gibt sich die Stadt gelassen. Pikant: Der Geburtstag ist wesentlicher Antrieb für den Sachen-Anhalt-Tag 2022.

Stendal – Nach den Vorhaltungen eines Historikers aus Potsdam, Stendal beziehe sich bei seinem 1000. Stadtgeburtstag im Wesentlichen auf zwei Fälschungen und die Feierlichkeiten im nächsten Jahr seien daher auf Sand gebaut, gibt sich das Rathaus in dieser Woche einigermaßen gelassen. „Herr Dr. Partenheimer hat bereits 2015 wegen der damaligen Feierlichkeiten anlässlich der 850 Jahre Einspruch erhoben. Die Problematik ist uns also nicht neu und die Argumente sind wohlbekannt“, teilt Sprecher Armin Fischbach auf Anfrage der AZ mit. Unbestritten dürfte sein, dass für die Stadtgeschichte mehrere wichtige Jahreszahlen existieren, die unterschiedlich stark durch historische Dokumente belegt sind, wenn überhaupt. Ein Buch mit sieben Siegeln muss es deshalb nicht sein.

Sprecher: Zeugnisse sogar aus der Bronzezeit

Mindestens unangenehm könnte eine neu aufflammende Diskussion für Politik und Verwaltung der Hansestadt natürlich schon sein. Zusätzlich pikant: 1000 Jahre Stendal sind der wichtige Grund, warum der Sachsen-Anhalt-Tag 2022 in der Hansestadt über die Bühne geht. Mehr als eine Viertelmillion Besucher wird für Anfang Juli erwartet. Lutz Partenheimer von der Universität Potsdam findet, wie schon einmal kurz dargelegt, deutliche Worte: „Die beiden betreffenden Urkunden von angeblich 1022 sind Fälschungen aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Als Belege für eine Ersterwähnung scheiden sie aus.“ Und weiter: „Stendal sollte sich auf keinen Fall öffentlich blamieren, indem es die beiden Urkunden für echt verkauft.“

Historiker: Papiere gelten als gefälscht

Im Büro des Oberbürgermeisters will man das nicht auf sich sitzen lassen. „Mit den Vorbereitungen auf die 1000-Jahr-Feier im Zusammenhang mit dem Sachsen-Anhalt-Tag 2022 setzen wir einen Stadtratsbeschluss vom 10. Oktober 2016 um. Grundlage für den Beschluss ist die erstmalige schriftliche Erwähnung Stendals, die das Jahr 1022 benennt“, tastet sich Stadtsprecher Fischbach auf Nachfrage vor. In der „Urkundlichen Geschichte der Stadt Stendal“ von 1873 schreibe Autor Dr. Ludwig Götze, dass Steinedal, so der alte Name, erstmalig in der Stiftungsurkunde des Bischofs Bernward von Hildesheim für das Kloster Michaelis am 1. November 1022 erwähnt werde. Daraus resultierten die Jubiläumsfeiern der Stadt in den Jahren 1922 (900 Jahre) und 1947 (925 Jahre).

Der Antrag merke an, dass die wissenschaftliche Ausarbeitung des Karl Janicke unter dem Titel „Das Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim und seiner Bischöfe“ von 1896 die Urkunden zu Fälschungen aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erkläre. „Trotzdem war und ist die ,Urkundliche Geschichte der Stadt Stendal’ die Grundlage für die Stendaler Chronisten, denn Siedlungsreste finden sich in Stendal bereits aus der späten Bronzezeit. Mit Rücksicht auf diese Sachlage hat der Stadtrat dem Antrag zugestimmt.“ Bei der Frage, wie alt Stendal denn nun bitte sei, hält sich der Rathaussprecher Ende Juni 2021 lieber zurück. „Diese Frage zu beantworten überlasse ich den Historikerinnen und Historikern. Diese kennen sich mit der Quellenlage aus und sind hierfür wesentlich qualifizierter.“

Historiker Partenheimer hat Stendals Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU) nach eigenen Angaben eine E-Mail geschrieben. Er erinnert darin auch an seinen Betrag in einem 2018 erschienenen Buch, für welches das Stadtoberhaupt das Grußwort beigesteuert habe. Im Betrag seien das angebliche Stiftungsdokument des Bischofs und eine diesem geltende Urkunde Kaiser Heinrichs II. aus demselben Jahr benannt und mit Blick auf Janicke als Fälschungen bezeichnet. Aus dem Stendaler Rathaus heißt es vom Sprecher weiter: „Die Hansestadt wird den Stadtratsbeschluss pflichtgemäß umsetzen und die Planung der Feierlichkeiten zum 1000-jährigen Jubiläum fortsetzen. Wo die Umsetzung beschlossener, rechtskonformer Anträge einer Blamage sein soll, erschließt sich mir nicht.“

Die Positionen scheinen einigermaßen klar, die Argumente ausgetauscht. Inwieweit das irgendetwas an der Auslegung des Stadtjubiläums ändern muss und wird, bleibt abzuwarten. Fischbach möchte noch einen Punkt unterstreichen, nämlich diesen: „Ferner würde es die Hansestadt Stendal und insbesondere meine Kolleginnen und Kollegen im Stadtarchiv sehr freuen, wenn durch diese Diskussionen bei künftigen Forschungen zur Stendaler Stadtgeschichte häufiger Originalquellen genutzt würden.“ Und weiter: „Durch den immer wiederkehrenden Rückgriff auf etablierte Literatur sind nur noch wenige neue Erkenntnisse zu erwarten.“

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