Stendaler Unternehmen sichert monumentales Fliesenbild aus den 1970er Jahren vorm Abriss

„Soll nicht in der Kiste bleiben“

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Die gesäuberten 550 Fliesen sollen zukünftig am Nordwall zu sehen sein, so der Wunsch von (v.r.): Frank Kotlorz, Hartwig Brettschneider, Michael Trösken und Bruno Lehmbruch. Fotos (2): Kuhn

Stendal. Das Fliesenbild heißt „Die vier Jahreszeiten“, ist rund elf Meter lang und drei Meter hoch und besteht aus 550 handgefertigten und bemalten Kacheln.

Erschaffen wurde es 1975, im Rahmen der DDR-Verordnung „Kunst am Bau“, für den Speisesaal des ehemaligen Hauses der Bauarbeiter. Seit vergangenem Jahr liegen alle 550 Fliesen von Mörtel gesäubert in speziellen Kisten. Dass dieses Wandbild nicht dem Abrissbagger zum Opfer gefallen ist, liegt am Engagement von Mitarbeitern des Ingenieurbaus Altmark (Iba). Denn bevor das Bauarbeiterhaus für einen Discounter weichen musste, organisierte das Unternehmen die Demontage dieses monumentalen Bildes. Ziel der ganzen Aktion: „Die vier Jahreszeiten“ sollten an anderer Stelle in Stendal für die Nachwelt erhalten bleiben. Ein Unterfangen mit Tücken, wie jüngst Frank Kotlorz, Geschäftsführer Ingenieurbau Altmark, zugeben musste.

Zeigten sich vor zwei Jahren die beiden Künstler, die damals das Werk erschufen, noch begeistert vom Erhalt ihres Werkes, scheint mittlerweile ein Konsens zwischen Erhaltenden und Schaffenden schwierig. Hartwig Brettschneider, ehemaliger Geschäftsführer, berichtete der AZ, dass insbesondere der Künstler Manfred Gabriel bisher keinem Vorschlag für ein Neuplatzieren Positives abgewinnen konnte. Es war den beiden Engagierten am Montag anzumerken, dass sie mit der Situation ihre Probleme haben. Hätte sich das Unternehmen nicht für diese Rettungsaktion eingesetzt, dann würden die „Vier Jahreszeiten“ bereits auf einer Bauschuttdeponie liegen – so, wie viele Bau-Kunstwerke aus vergangenen DDR-Zeiten.

Das monumentale Fliesenbild „Die vier Jahreszeiten“ zierte seit 1975 den Speisesaal im Haus der Bauarbeiter in Stendal. Der heutige Eigentümer der Immobilie rettete das rund elf Meter lange und drei Meter hohe Werk von Manfred Gabriel und Bruno Groth vorm Abbruchbagger.

Nachdem die 550 Fliesen fachgerecht demontiert waren, wurden viele Einrichtungen in Stendal kontaktiert, berichtete Brettschneider. Nur das Krankenhaus signalisierte Bereitschaft, das monumentale Werk im Treppenhaus (über vier Etagen verteilt) des Neubaus montieren zu lassen. Dem widersprach Gabriel, was die Iba-Engagierten aber nachvollziehen konnten. Schlussendlich gab es Gespräche mit dem Stendaler Verein Nordwall Classic Garage, der derzeit die Sporthalle am Nordwall zum Vereinsdomizil umbaut. In der zukünftigen Ausstellungshalle steht eine ausreichend große Wandfläche zur Verfügung, um das Bild in voller Größe anbringen zu können. Und auch zwei weitere Punkte wären erfüllt: „Die vier Jahreszeiten“ bleiben in Stendal und sind öffentlich zugänglich. Aber auch diese Idee findet nicht die Gnade des Künstlers. Im konkreten Fall monierte er, dass das Werk in ein Gebäude der 1970er Jahre gehöre und nicht in eins aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts. Solange dies nicht möglich ist, sollen die Fliesen „in den Kisten bleiben“, meinte Gabriel Kotlorz zufolge. Doch in den Kisten sollen sie nicht bleiben. Einig sind sich Kotlorz, Brettschneider und auch Michael Trösken, Vereinsvorsitzender, dass das Domizil ein idealer Ort sei. Dennoch zeigen sie Gesprächsbereitschaft, sollten Rolandstädter bessere Ideen für den zukünftigen Standort haben.

Josef Piossek schneidet die Betonschicht von einer Wandfliese. Zum Bearbeiten mussten spezielle Schablonen gefertigt werden.

Das Werk von Gabriel und Bruno Groth in einem Lager verstauben zu lassen, dies solle nicht geschehen. Zuviel Zeit und auch Geld sei bisher in die Rettungsaktion geflossen, war vorgestern zu hören. Kotlorz und Brettschneider taxieren die bisher angefallenen Kosten auf einen mittleren vierstelligen Euro-Betrag. Wenn das Fliesenbild wieder eine Wand ziert, werde es ein fünfstelliger Betrag sein, meinten beide. Dazu kommen noch unzählige Stunden, die die Hausmeister Bruno Lehmbruch und Josef Piossek im Bauhof des Unternehmens im vergangenen Jahr zugebracht hatten. Von Hand und mit speziell angefertigten Schablonen befreiten sie jede einzelne Fliese vom Mörtel. Diese sind nun so aufbereitet, dass sie von Fachleuten am neuen Ort angebracht werden können, rückte Kotlorz die Fleißarbeit der beiden ins rechte Licht.

Und die Beteiligten hoffen auf ein Umdenken beim Künstler Gabriel, würden ihn gerne als Berater fürs Gestalten der Nordwall-Giebelwand gewinnen, betonte Trösken. Er sieht das Fliesenbild als Gewinn für die Ausstellungshalle und als Gewinn für Stendal, werde doch so ein Zeitdokument erhalten. Sollte es aber „bessere Vorschläge“ für dieses Bild in Stendal geben, werde sich der Verein dem nicht verschließen, führte er weiter aus.

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Von Matthias Kuhn

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