Pandemie mit Folgen: Suchtberater rechnet mit mehr Fällen

„Sitzen zuhause und grübeln“

Deutlich mehr Redebedarf als bislang hat die Stendaler Suchtberatungsstelle in der ersten Woche des Kontaktverbots registriert. Rückfälle könnten zunehmen.
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Deutlich mehr Redebedarf als bislang hat die Stendaler Suchtberatungsstelle in der ersten Woche des Kontaktverbots registriert. Rückfälle könnten zunehmen.

Stendal – „Es wird vermutlich eine Zunahme geben“, blickt auch Ewald Kittner angesichts der Corona-Pandemie besorgt in die Zukunft.

Seit mehr als vier Jahrzehnten erlebt der Sozialarbeiter im Auftrag der Caritas an vorderster Front, was die Sucht aus Mitmenschen machen kann. In Zeiten wie diesen, die wegen der Coronavirus-Krise deutlich mehr als üblich von Panik und Angst gezeichnet ist, müsse sich der Stendaler deutlich stärker für seine Klienten einsetzen. „Wir kämpfen uns gemeinsam durch.“

Ewald Kittner, Suchtberater

Weil die seit Dienstag geltende Covid-19-Eindämmungsverordnung auch dafür gesorgt hat, dass die Beratungsstelle an der Brüderstraße für den Besucherverkehr geschlossen werden musste, ist der Betrieb komplett auf Telefon und E-Mail umgestellt worden. Dies gelinge bei der ambulanten Nachsorge, also nach stationären Entwöhnungsbehandlungen, derzeit „ganz gut“, berichtet Kittner. Mit Hilfsbedürftigen, die er schon seit längerer Zeit begleite, gebe es „ein Band des Vertrauens“. Und dies sei auch in der Krise belastbar.

Weil neben der Beratungsstelle aber auch alle Selbsthilfegruppen dichtgemacht wurden, sorge sich der Suchtberater um viele seiner Klienten. „Die sitzen zuhause und grübeln“, sagt er. Die Gefahr von Rückfällen sei dadurch groß, auch weil in den Läden trotz verbreiteter Hamsterkäufe „noch viel Schnaps in den Regalen“ stehe.

Deutlich mehr Redebedarf als bislang habe Kittner in der ersten Woche des Kontaktverbots registriert. „Viele sind verunsichert“, schildert er die angespannte Stimmungslage. Und betont: „Ich mache Mut.“ Erschwert werde die schwierige Situation auch dadurch, dass derzeit viele Suchtkrankenhäuser zu Isolierstationen umgebaut würden. Auch sei vielfach noch ungeklärt, wie hilfebedürftige Patienten in Zeiten des Infektionsschutzgesetzes in die Kliniken gelangen könnten, weil sie wegen der Ansteckungsgefahr beispielsweise nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen dürften. „Man hat mir aber versichert, dass Suchtkranke zur Entgiftung aufgenommen werden, wir müssen uns in diesen Krisenzeiten nur enger abstimmen“, halte Kittner Kontakt zu den Kliniken Uchtspringe und Jerichow.

Auch wenn Telefonate anders als persönliche Gespräche seien, würden sie helfen. „Unsere Klienten sind ja ohnehin oft gesellschaftlich isoliert – wir stehen zur Seite, damit sich keine Abwärtsspirale oder neue Hürden entwickeln. Wir reden über die aktuelle Situation. Gemeinsam darüber sprechen – das hilft“, erklärt der Suchtberater im AZ-Gespräch.

VON ANTJE MAHRHOLD

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