1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Stendal

Wo sich ein Finger nicht fügen will

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
Kunstwissenschaftlerin Dr. Ulrike Koch-Brinkmann wollte den Gipsfinger experimentell an die Kopie anpassen. © Hammer

hh Stendal. Ein anscheinend winziges Detail – die Gipsrekonstruktion eines abgebrochenen Marmorfingers von der Artemis aus Pompeji – hielt Kunstwissenschaftlerin Dr.  Ulrike Koch-Brinkmann in der Hand und ließ das Teil unter ihren Zuhörern kreisen.

An der Originalstatue, die zurzeit aus dem Archäologischen Nationalmuseum Neapel in Stendals Winckelmann-Museum als Leihgabe steht, erläuterte sie, dass in der Antike Marmorstatuen wie auch an dieser hier gestückelt wurden.

Bohrungen an den fehlenden Fingern beweisen das. Über die Zeiten hinweg ist der oft organische Kleber gelöst worden und die angebauten Teile gingen verloren. So konnte der Finger am Grabungsort getrennt von der Statue gefunden werden. Damit begannen aber auch die Probleme für die Archäologen. Die Kunstwissenschaftlerin versuchte nunmehr zusammen mit Diplom-Restauratorin Jorun Ruppel zu klären, welche Folgen drohen, wenn am falschen Ort angefügt wird. Freilich, im 19. Jahrhundert ließ zum Beispiel der Bayernkönig ganze Statuen vervollkommnen, um für alle eine gewisse Vorstellung über die Schönheit antiker Skulpturen zu gewinnen. Das hat sich bis heute grundlegend geändert: Originalfunde sollen möglichst so bleiben, wie sie vorgefunden wurden.

Trotzdem sollte der Gipsfinger experimentell an die Figurenkopie angepasst werden, um gewisse Rekonstruktionsvorgänge zu zeigen. Doch welcher Finger ist der Gipsabdruck? Hier einigte man sich auf den Zeigefinger der linken Hand. Während weitere Erläuterungen folgten, ging die Restauratorin an die Arbeit, bohrte ein Loch in den Handstumpf und in den Finger und setzte einen Verbindungsstab ein.

Aber beim genauen Anpassen stellte man schnell fest, das fügt sich nicht richtig. Die ganze Figur scheint aus ihrem schönen Gleichgewicht zu geraten. Außerdem: Die glatte Schnittstelle an der Hand und die Bruchstelle am Finger passen nicht zusammen. Es fehlt ein Stück oder ist es gar nicht der Artemis-Finger. Er wurde aber an der Grabungsstätte gefunden und beschrieben. Meinungen und Vorschläge kamen aus dem Publikum. Vergipsen und angleichen, etwa. Doch verstößt das nicht gegen das Original?

Kurzum: Der Finger blieb an dem Abend ab von der Gipsdoublette. Zuviel ungelöste Fragen standen im Raum am anscheinend kleinen unbedeutenden Objekt. Deutlich wurde die Verantwortung der Wissenschaftler bei Rekonstruktion und Restaurierung ganzer Gruppen, von denen in der Welt bisher ein bestimmtes Bild herrscht. Ein lehrreicher unterhaltsamer Vortragsabend am Original und dem Gipsabguss einer bekannten antiken Statue.

Auch interessant

Kommentare