Schüsse auf der anderen Nilseite

Ein Bild aus besseren Tagen: Gerd Engel im Kreis seiner ägyptischen Freunde und Bekannten. Im November will er wieder hinfliegen, dann findet der nächste Lauf statt.

Stendal - Von Thomas Pusch. Gerd Engel ist ein Laufverrückter, im positivsten Sinne. Und er hat ein großes Herz, das nicht nur dafür sorgt, dass er problemlos Marathonläufe absolvieren kann, sondern auch dass er sich sozial engagiert. Beispielsweise in Ägypten, das er 1993 erstmals besuchte. Seitdem ist der 69-Jährige verliebt in dieses Land. 1994 organisierte er erstmals den Luxor-Marathon. Der fand auch am vergangenen Freitag statt und Gerd Engel war dabei.

„Wir haben es gerade noch geschafft“, sagte er gestern im Gespräch mit der AZ. Kurz nachdem der letzte Läufer, ein Amerikaner mit amputiertem Bein, das Ziel passiert hatte, begannen die Demonstrationen auf Luxors Straßen. Am Sonnabend rollten Panzer, die Parteizentrale wurde angegriffen, nachts hörte Engel Schüsse auf der anderen Nilseite. „Mein Leben habe ich dennoch nicht bedroht gesehen“, meinte er.

Richtig ärgerlich wird er aber, wenn er an die trägen Mitarbeiter der Deutschen Botschaft denkt, die er am Sonntag anrief. „Ich bin kein Held, holt mich hier raus“, startete er humorvoll ins Gespräch und wurde im Gegenzug nicht ganz ernst genommen. „Wir evakuieren nicht“, hieß die barsche Antwort und er solle es doch am Montag noch einmal versuchen. Dabei ging es Engel gar nicht um sich selbst. Er hatte einen Rückflug am Dienstag. Aber knapp 100 deutsche Teilnehmer des Marathons hatten Flüge von Kairo gebucht, doch dorthin flog Egypt Air von Luxor aus nicht mehr.

Am Dienstag startete Engel ganz früh Richtung Flughafen. „Ich wollte nicht mit den Knüppelleuten in Berührung kommen“, sagte er und dachte dabei an die Sicherheitskräfte. „Busse fahren nicht mehr“, stand auf einem Schild in der Hotelhalle. Aber ein Taxi, zumindest nachdem Engel dem Fahrer eine Gefahrenzulage gab, den doppelten Fahrpreis löhnte. Am Flughafen sah Engel dann hysterische Szenen von Menschen, die unbedingt das Land verlassen wollten.

Seit Mittwoch ist er wieder in Stendal und während des Gesprächs mit der AZ klingelte ständig sein Handy. „Ja, ich bin wieder da, alles in Ordnung“, beruhigte er stets die Anrufer. Er selbst muss sich auch ständig beruhigen. „Ich bin mit sehr viel Herzblut dabei“, so Engel. Ständig schreibt er SMS, erkundigt sich, wie es seinem großen Bekanntenkreis in Ägypten geht. „Um 5 Uhr morgens stehe ich auf und schalte Al Jazeera ein“, schildert er seinen Tagesablauf. Der arabische Nachrichtensender ist seine Hauptinformationsquelle.

In den fast 20 Jahren, die er Ägypten kennt, hat sich Engel nie als Tourist verhalten, ist immer mit den „einfachen Menschen“ in Kontakt gekommen. „Ich bin acht Stunden mit Bussen gefahren, in denen nur Ägypter saßen“, nannte er ein Beispiel. So hat er die Lage anders verfolgt als die Touristen, die sich nur in ihrer Ferienanlage aufhalten. „Die Situation hat sich abgezeichnet, die soziale und politische Lage wurde immer schlimmer“, so Engel. Familienväter, die 50 Euro im Monat verdienen, die auch trotz niedrigerer Preise ein Hungerlohn sind, Sicherheitsdienste mit vielleicht zwei Millionen Mitarbeitern, die das Volk in Schach halten, ein Staat, in dem Korruption an der Tagesordnung ist. „Mubarak muss weg“, ist Engels Überzeugung, der danach aber keinen islamistischen Gottesstaat erwartet. Die Wahlen müssten unbedingt vorgezogen werden. Ein gutes Gefühl hat er dennoch nicht. „Das wird Bürgerkrieg geben, denn die von den Sicherheitsorganen werden nicht nachgeben“, ist er sich sicher. Im November will er wieder in Ägypten sein, hofft dass sich die Lage bis dahin geklärt hat. Dann findet der nächste Lauf statt – in Kairo.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare