Wenn der Hund Blut leckt

Schon zehn Beißattacken allein dieses Jahr in Stendal

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Wer einen Menschen angreift wie dieser Hund vor einigen Jahren im Norden der Republik, kann ganz schnell mindestens hinter Gittern kommen. Egal, ob Kampfhund oder nicht. In Stendal befinden sich aktuell insgesamt sechs Problemhunde im Tierheim.

Stendal – Nach der Attacke auf einen Mann in Stendal droht dem Hund das Tierheim. Ob der Vierbeiner als gefährlich eingestuft werden muss, wird momentan geprüft.

Die Halterin dürfte ihn dann nur noch mit einer Erlaubnis halten, hätte etliche Auflagen zu erfüllen und müsste nicht zuletzt eine Sachkundeprüfung absolvieren, heißt es aus dem Ordnungsamt.

Und mindestens genauso entscheidend: Bestünde der Hund den dann auch vorgeschriebenen Wesenstest nicht, müsste er weg. Bei dem Angriff Anfang Mai an der Lucas-Cranach-Straße wurde ein 54-Jähriger ins Bein gebissen und musste zur Behandlung ins Krankenhaus. Die Polizei nahm eine Strafanzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung auf. Der Hund verblieb bei der Hundehalterin.

Angegriffen hat ein Mischling aus Deutschem Schäferhund und Rottweiler. Damit handelt es sich nicht um einen sogenannten Vermutungshund. Zu dieser Kategorie zählen Pitbull-Terrier, American Staffordshire-Terrier, Staffordshire-Bullterrier und der Bullterrier sowie allerlei Mix. „Dabei bestimmt sich die Rassenzugehörigkeit nach dem äußeren Erscheinungsbild, dem Phänotyp. Kreuzungen dieser Hunde sind Tiere, bei denen der Phänotyp einer Rasse erkennbar ist“, weiß es Sachgebietsleiterin Mandy Heidemann ganz genau. Der Begriff Kampfhund ist umstritten und wird von den Behörden in der Regel vermieden.

Bei vielen Menschen noch in Erinnerung ist der folgenreiche Angriff eines American Bulldog auf einen Jungen in Stendal vor 13 Jahren. Und erst im März dieses Jahres attackierte dort ein Old English Bulldog, der nicht zu den Kampfhunden zählt, eine Gruppe spielender Kinder und biss ein Mädchen mehrmals. Allein für 2017 hat das Ordnungsamt 19 Vorfälle registriert, für 2018 weitere 14 und für dieses Jahr bislang zehn. Nicht alle endeten derart blutig, auch dürfte die Dunkelziffer nicht unerheblich sein. Heidemann und Kollegen gehen jeder angezeigten Beißattacke nach.

Seit März 2009 gilt in Sachsen-Anhalt das Gesetz gegen die von Hunden ausgehenden Gefahren. Die Regelungen seien streng. „Aber trotz aller Regelungen sind und bleiben Hunde soziale und eigenständig agierende Wesen, deren Verhalten durch Erziehung, Krankheiten oder sonstige Einflüsse bestimmt wird und nicht immer zu 100 Prozent vorhersehbar ist“, unterstreicht Heidemann auf AZ-Anfrage. Im Fall von Anfang Mai war die 18-jährige Tochter der Besitzerin mit dem Tier unterwegs. Der Hund riss sich auf einer Grünfläche von der Leine los und griff an.

„Jeder Vorfall, bei dem ein Mensch verletzt wird, ist bedauerlich.“ Durch irgendeine zusätzliche Maßnahme der Stadt hätte die Attacke nicht verhindert werden können, beteuert die Mitarbeiterin des Ordnungsamtes. Wer es noch nicht weiß: Laut der sogenannten Gefahrenabwehrverordnung besteht Leinenzwang. Hunde sind auf öffentlichen Straßen und Anlagen an der Leine zu führen. Lediglich auf Freilaufflächen und zudem außerhalb von Orten im Rahmen des Waldgesetzes darf das Tier von der Leine. „Eine Verschärfung der Regelungen hätte den Vorfall nicht verhindert.“

Eine Maulkorbpflicht besteht sowieso nicht. „Ein genereller Maulkorbzwang könnte solche Vorfälle wie den am 2. Mai vielleicht verhindern, aber auch hier ist es möglich, dass sich der Hund den Maulkorb abstreift oder das Material nachgibt. Einen 100-prozentigen Schutz wird es nicht geben.“ Nach ihrer ganz persönlichen Meinung, wie Heidemann betont, sollte Sachsen-Anhalt den Hundeführerschein einführen. „Theoretisches und praktisches Wissen vor der Anschaffung eines Hundes kann solche Vorfälle am besten vermeiden. Denn Wissen kann nicht reißen so wie eine Leine oder ein Halsband.“

Aktuell sind 2766 Hunde in der Einheitsgemeinde gemeldet, 2014 waren 3072 registriert, 2009 insgesamt 3193 und 2004, damals noch ohne Ortsteile, 2534. Die seit 1. März 2019 geborenen Hunde sind in einem Register des Landes Sachsen-Anhalt eingetragen. Dabei ist momentan der Labrador Retriever mit 199 Exemplaren vorn, gefolgt vom Jack Russell Terrier mit 179 und auf Rang drei steht der Chihuahua mit 157. Die Mischlinge überwiegen jedoch.

Die Hansestadt Stendal unterscheidet bei der Hundesteuer übrigens nicht, ob es sich um einen Vermutungshund handelt oder nicht. Die Sachgebietsleiterin: „Der Stempel Vermutungshund besteht nur nach dem Gesetz. Das Zuchtverbot bewirkt, dass es zukünftig weniger Hunde dieser Rassen geben wird.“ Aktuelle seien sechs Hunde wegen ordnungsbehördlicher Maßnahmen nach Beißvorfällen im Tierheim untergebracht. Zwei davon sind Vermutungshunde.

VON MARCO HERTZFELD 

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