„Spätfolgen nicht absehbar“

Schausteller in der Krise: Lothar Welte spricht von Berufsverbot

Ende Februar war die Welt noch einigermaßen in Ordnung. Dieses Bild entstand zum Jubiläum 30 Jahre Schaustellerverband Mecklenburg-Vorpommern. Lothar Welte (r.) und sein Bruder Karl sitzen in einem historischen Autoscooter, gebaut in Nordhausen 1958. Zweitgenannter ist Vorsitzender eines Magdeburger Schaustellervereins
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Ende Februar war die Welt noch einigermaßen in Ordnung. Dieses Bild entstand zum Jubiläum 30 Jahre Schaustellerverband Mecklenburg-Vorpommern. Lothar Welte (r.) und sein Bruder Karl sitzen in einem historischen Autoscooter, gebaut in Nordhausen 1958. Zweitgenannter ist Vorsitzender eines Magdeburger Schaustellervereins.

Stendal – Die Volksfeste fallen reihenweise aus, kein Karussell dreht sich, keine Losbude öffnet. Bei vielen Kollegen liegen die Nerven blank.

Lothar Welte, Schausteller-Chef aus Rostock, steht bei all den Verboten und Corona-Schranken noch vor der Barrikade und bewahrt einigermaßen Ruhe. Seit fast zehn Jahren organisiert der gebürtige Magdeburger das Spargelfest in Osterburg, mischt seit Kurzem beim Tangermünder Burgfest mit und ist auch so in der Altmark stadtbekannt. Die AZ hat Welte, Anfang 60, zum wachsenden Unmut in der Schaustellerszene befragt.

Ihre Schaustellerkollegen klagen landauf, landab. Wie geht es Ihnen?

Welte: Danke der Nachfrage. Gesundheitlich geht es gut, geschäftlich ist es sicherlich eine Katastrophe.

Sie haben eine große Familie, fast alle sind im Schaustellergeschäft tätig. Ihr Bruder Karl hat in Ihrer alten Heimat Magdeburg viel zu tun, eigentlich. Wie sehr hat die Corona-Krise alle aus der Bahn geworfen und das ganz normale Familienleben, das es ja auch bei Schaustellern gibt, belastet?

So viele Monate an einem Stück waren wir noch nie im Winterquartier. In einem Familienbetrieb mit mehreren Fahrgeschäften und Buden gibt es immer etwas zu tun. Getreu dem Ausspruch, wir sind selbstständig, also arbeiten wir selbst und ständig. Für einen Schausteller ist dieser Beruf eine Berufung sowie im Frühjahr die ersten Sonnenstrahlen kommen, müssen wir unserer Berufung nachgehen und auf Messen, Märkten und Volksfesten den Besuchern Freude bereiten und unsere Brötchen verdienen.

Sie sind in der Altmark ein gefragter Mann. Was ist Ihnen durch Corona in diesem Jahr schon alles verloren gegangen?

Die Altmark war schon von jeher eine Herzensangelegenheit. Meine Eltern haben schon damals mit den Verwaltungen eng zusammengearbeitet, für den Aufbau und der Ausführung von Volksfestveranstaltungen. Hierdurch haben sich über die Jahre für unsere Familie zahlreiche Freundschaften entwickelt und aufgebaut. Wenn man sich vorstellt, dass ein ganzer Berufsstand seit dem 22. Dezember 2019 keine finanziellen Einnahmen generieren konnte, dann können Sie sich vorstellen, es ist wirklich eine Katastrophe.

Sie richten mit Partnern das Stadt- und Spargelfest in Osterburg aus. Die Stadt hat signalisiert, Sie finanziell nicht im Regen stehen zu lassen. Was erwarten Sie konkret und was nicht?

Meine Partner, Freunde und ich haben durch die zwangsläufige Absage der Veranstaltung, in die viel Herzblut geflossen ist, wie einen Stich in das Herz bekommen. Die Vorbereitungen liefen auf vollen Touren, wodurch auch schon Kosten entstanden sind. Wenn die Hansestadt Osterburg diese auch nur teilweise übernehmen würde, wäre das schon eine ganz starke Geste.

Die Altmark ist durchaus reich an Volksfesten. Was sagen Sie den Menschen?

Ich möchte an dieser Stelle den Volksfestfans in der Altmark einen Dank übermitteln, weil sie mit ihrer Anteilnahme in Wort und Schrift uns viel Kraft und Mut gegeben haben. Besonders möchten wir uns beim Bürgermeister der Einheitsgemeinde Osterburg, Nico Schulz, bedanken. Sein Appell für den Erhalt des Schaustellergewerbes hat nicht nur bei unseren Schaustellerkollegen Eindruck hinterlassen. Solche Leute braucht das Land.

Sie richten für diese Stadt seit Jahren das Fest aus. Die Osterburger und nicht nur diese hoffen nun auf ein Spargelfest 2021. Selbst wenn das große Feiern im Mai 2021 wieder möglich sein sollte, welche Spätfolgen könnte die Coronakrise 2020 haben?

Es wird sehr viel davon abhängen, dass die Schausteller noch in diesem Jahr auf den Martinimärkten und den darauf folgenden Weihnachtsmärkten an den Start kommen. Die Spätfolgen sind bisher noch nicht absehbar.

Sie mischen unter anderem auch beim Burgfest in Tangermünde mit. Seit einigen Tagen haben nun alle die Gewissheit, dass auch dafür die Messen gesungen sind. Wie fühlen Sie sich damit?

Von der Bundesregierung wurden alle Veranstaltungen mindestens bis Ende August abgesagt. Für das Schaustellergewerbe und die vielen Gewerke, die da noch mit dran hängen, war und ist das Berufsverbot. Es ist einfach sehr schlimm, dass schon Ende Mai Volksfest-Veranstaltungen bis in den Oktober hinein abgesagt wurden. Leider auch Veranstaltungen wie in Havelberg der Pferdemarkt und das Burgfest in Tangermünde. Gesundheit geht vor.

Sie scheinen in normalen Zeiten in halb Deutschland unterwegs. Was bedeutet für Sie der Osten?

Unsere Schaustellerbetriebe fahren in ganz Deutschland, Polen und auch in die Niederlande, aber wie man so schön sagt, zu Hause ist es doch am schönsten, und das ist der Osten von Deutschland.

Corona und die Folgen könnten einiges verändern. Inwieweit und unter welchen Umständen bleiben Sie der Altmark und Sachsen-Anhalt erhalten?

Zu Freunden, Bekannten und tollen Besuchern kommt man immer wieder gern zurück. Über die Jahre haben sich Freundschaften und Gepflogenheiten entwickelt, die man nicht missen möchte.

Wie verändert Corona das Schaustellergewerbe der nächsten Jahre, vieles scheint dauerhaft angeschlagen, was bleibt und ist ein Rettungsanker?

Ich setze da sehr auf die Tradition. Traditionsveranstaltungen haben sich immer wieder als stabile Veranstaltung erwiesen.

Was erwarten Sie von der Politik, von den Städten und Verwaltungen?

Das Schaustellergewerbe braucht dringend finanzielle Unterstützung. Die Soforthilfe, die wir für drei Monate im April bekommen haben, war eine großartige Hilfe, aber leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Bei 100 Prozent Totalausfall mussten wir und meine Kolleginnen und Kollegen mit Überziehungs- und anderen Krediten die Liquidität sichern. Mit Krediten Kredite bezahlen, das geht für den größten Teil des Berufsstandes nicht. Unsere Hoffnung ruht jetzt auf dem Konjunkturpaket.

Mitunter wird schon vom Ende der Volksfestkultur in und außerhalb der Region gesprochen. Inwieweit ist das Schwarzmalerei?

Eine 1200-jährige Volksfestkultur darf nicht sterben. Ohne Unterstützung von Bund, Land und Städten wird es nicht gehen. Von Saisonbetrieben, zu dem das Schaustellergewerbe zählt, kann man jetzt nur noch Manpower erwarten. Die Standgelder, sprich die Kosten, müssen runter, weil auch unsere Besucher im ganz großen Teil von Corona betroffen sind.

Wie wichtig können Schausteller gerade in solchen Zeiten sein?

Wichtigstes Ziel muss weiterhin sein, dass sich nicht nur die Generationen, sondern auch die Kulturen auf den Volksfesten wohlfühlen und friedlich miteinander feiern. Dass der Arbeiter und der Professor gemeinsam eine Karussellfahrt erleben können. Wir sind systemrelevant und die Antidepressiva der Gesellschaft. Ich wünsche mir, dass wir uns alle gesund und munter wiedersehe.

VON MARCO HERTZFELD

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