Von Woche zu Woche

Da schauen die Politiker lieber weg

Schade, dass momentan keine Wahlen anstehen. Das könnte den Menschen in Stendal-Süd nämlich helfen. Politiker haben Einfluss, aber sie kommen meist nur an die Brennpunkte, wenn sie gewählt werden wollen.

Das gilt im Fall Stendal-Süd sowohl für die Lokal- als auch für die Landes- und Bundespolitiker. Was haben sich die Minister aus Magdeburg die Klinke in die Hand gegeben, was haben die kommunalen Bewerber nicht alles getan, um sich ins Rampenlicht zu rücken. Und nun sind sie alle wieder weg. In Stendal-Süd waren sie nicht. Sie gucken sich lieber schicke Vorzeige-Betriebe an als sich mit der unteren Schicht unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Dabei predigen sie doch alle, wie sozial sie eingestellt seien.

Das sind nichts als Sprechblasen, sonst hätte sich schon mal jemand vor Ort sehen lassen. Es ist überhaupt nicht hinnehmbar, dass in einem Stadtteil Zustände wie in der Dritten Welt herrschen. Da haben ca. 300 Mieter seit drei Monaten kein Warmwasser, im Flur keinen Strom und seit diese Woche überhaupt kein Wasser mehr.

Den Stadtwerken, die Wasser und allgemeinen Strom abgeklemmt haben, kann man nicht mal einen Vorwurf machen. Außenstände des Vermieters, der Raks AG, in sechsstelliger Höhe sind kein Pappenstiel. Es dauert lange, um an das Geld zu kommen – die juristischen Mühlen mahlen langsam und hinzu kommt, dass die Raks AG schwierig zu greifen ist. Da bleibt den Stadtwerken nichts weiter übrig, als zu diesem Mittel zu greifen.

Die Verantwortlichen von der Raks AG wird das wenig interessieren. Sie kassieren weiter die Miete, die sie sogar erhöht haben, und genießen das Leben. Bleibt nur zu hoffen, dass die Betroffenen in Stendal-Süd die Miete nicht mehr bezahlen und sich eine neue Wohnung suchen.

Wer in diesen für die Süd-Mieter so schweren Zeiten ein soziales Herz beweist, sind die Stendaler Behörden. Die Stadt kümmert sich, das Jobcenter auch. Und die großen Vermieter bieten adäquate Wohnungen an, halten Beratertage vor Ort ab.

„Da lebe ich ja in einem Obdachlosenheim besser“, hat ein Mieter in dieser Woche gesagt. Recht hat er. Wenn dieser Mieter nicht nette Mitmenschen hätte, was würde wohl aus ihm werden? Er ist schlecht zu Fuß, kann nicht zu der in dieser Woche eingerichteten „öffentlichen Wasserentnahmestelle“ gehen und sich eimerweise Wasser in die Wohnung schleppen. Und die Kinder? Sie dürfen in einem benachbarten Sportstudio duschen gehen – auch eine schöne nachbarschaftliche Geste.

Kein Trinkwasser für 300 Mieter – das ist ein unhaltbarer Zustand, der die Politiker offenbar überhaupt nicht interessiert. Keine Spur von Solidarität, kein Hilfsangebot – nichts. Die Stendaler Bundestagsabgeordnete Katrin Kunert schickt Pressemitteilungen zu eher banalen Angelegenheiten, die die Süd-Mieter definitiv nicht interessieren. Von ihrer Kollegin Marina Kermer (SPD) hört man seit der Wahl wenig, von Jörg Hellmuth (CDU) wenig bis gar nichts. Außer bei wichtigen Veranstaltungen in Festsälen – da sind sie alle da!

Von Ulrike Meineke

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