Säuglingsmilch wird zeitweise zur Mangelware / Chinesen in Deutschland kaufen Bestände auf

Leergefegte Regale im Supermarkt

Eltern, die Säuglinge mit der Flasche groß ziehen, stehen in Stendal häufiger vor fast leeren Regalen in Supermärkten und Drogerien. Milchpulver fast aller Hersteller wird von Chinesen aufgekauft, um es in die Heimat zu schicken.
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Eltern, die Säuglinge mit der Flasche groß ziehen, stehen in Stendal häufiger vor fast leeren Regalen in Supermärkten und Drogerien. Milchpulver fast aller Hersteller wird von Chinesen aufgekauft, um es in die Heimat zu schicken.

Stendal. Dass in einer hoch technisierten Konsum- und Überflussgesellschaft ein „Grundnahrungsmittel“ zur Mangelware wird, ist kaum vorstellbar. Und doch gibt es diesen Fakt seit geraumer Zeit nicht nur in Stendal.

Säuglingsmilch, also spezielles Milchpulver für die Baby-Ernährung, ist in Super- und Drogeriemärkten nicht generell verfügbar. Kunden stehen häufig vor großen Lücken im Sortiment. Eine Leserin beschreibt eine Situation in einem Drogeriemarkt an der Breiten Straße der AZ wie folgt: „Das ganze Regal für Babymilch war leergefegt. Da stand keine einzige Packung mehr drin. “ Es ist kein gelegentlicher Zustand, sondern fast die Regel. Viele Eltern mit Säuglingen sind dazu übergegangen, sich einen kleinen Vorrat daheim anzulegen, hört die AZ. Und auch, dass der Grund für die schlechte Verfügbarkeit dieser Produkte in China zu suchen sei.

Chinesen kaufen heimischen Markt leer

Bis zum Ende des Jahres soll es laut Herstellern noch zu Engpässen beim Milchpulver kommen.

„Seit gut einem Jahr kaufen Chinesen, die in Deutschland leben oder hier zu Besuch sind, Säuglingsmilch aus den Regalen komplett auf“, bestätigt eine Mitarbeiterin eines regionalen Milchpulverproduzenten, die gegenüber der Presse ungenannt bleiben möchte. Der Grund dafür sei das Misstrauen der Chinesen in die heimische Produktion infolge einiger Skandale. Sie bevorzugen deutsche Produkte. Und diese „organisieren“ in der Bundesrepublik befindliche Landsleute, machen damit ihr Geschäft in der Heimat. Hersteller und Handel versuchen, diesem Problem Herr zu werden, ist weiter von der Mitarbeiterin zu erfahren. Und auch die chinesische Regierung denke über ein Einfuhrverbot nach, heißt es. Auch das Stendaler Unternehmen erhalte Anfragen, die sich seit den Skandalen im Reich der Mitte verdoppelt hätten. „Jeder will nach China“, sagt sie am AZ-Telefon, denn es seien „Dimensionen, die man sich nicht vorstellen kann“. Auch die örtliche Firma produziere mit für den chinesischen Markt, liefere aber ausschließlich „an offizielle Lieferanten“. Das Thema sei zu sensibel, als dass das Produkt an unbekannte oder branchenfremde Firmen herausgegeben werde. Jährlich werden in China rund 21 Millionen Kinder geboren (zum Vergleich: in der Bundesrepublik erblickten 2010 677 947 Kinder das Licht der Welt).

Milupa erhöht Produktion – andere Hersteller schweigen

Wenn vor Ort die Regale geplündert werden, wie reagieren die Hersteller von Säuglingsmilch auf die gestiegene Nachfrage? Die AZ fragte bei Nestlé (Alete, Alfaré, Beba und Bübchen), Hipp, Bebivita (eine Tochterfirma von Hipp) und Milupa (Milumil) nach. Während Nestlé, Hipp und Bebivita die Anfrage ignorierten, reagierte Milupa umgehend. Unternehmenssprecher Stefan Stohl bestätigte, dass die Chinesen „die Regale leerkaufen“ würden. Aus Sicht des Unternehmens war die Hauptzeit einer Nichtverfügbarkeit ihrer Produkte im März und April. In diesem Zeitraum wurden wöchentlich bis zu 3000 Anrufe von Kunden entgegengenommen, die sich über diesen Umstand beschwerten. Aktuell seien es zwölf Anrufer pro Woche. Und mit einem neuen Werk bei Fulda, das laut Stohl vor einem Monat in Betrieb genommen wurde, habe Milupa die Produktion um 60 Prozent erhöhen können. „Wir können derzeit die Nachfrage bedienen“, sagte der Unternehmenssprecher der AZ.

Stendaler Supermarkt beschränkt Abgabe

Einen anderen Weg, als leere Regale den Kunden zu präsentieren, hat Kaufland in Stendal eingeschlagen. Ein Schild am Regal für Säuglingsmilch weist auf die maximale Abgabe von zwei Packungen pro Person hin. Begründet wird dies mit „Lieferschwierigkeiten der Hersteller“. Auf Nachfrage der AZ schreibt Andrea Kübler, Pressestelle Kaufland: „Wir sind seit Längerem mit der Situation konfrontiert, dass die Bestellmengen an Milchpulver nicht unseren Bestellmengen entsprechen.“ Und weiter ist aus der Pressestelle zu hören, dass der Schritt der Abgabenbeschränkung „sehr bedauert“ werde, aber nötig sei, um möglichst vielen Kunden den Kauf der bevorzugten Marke zu ermöglichen. Wohl bis Ende des Jahres müssen die Stendaler Kunden mit dieser Praxis leben, entschuldigt sich der Lebensmittler und fügt Kundeninformationen von Hipp und Bebivita bei. Sandra Hohenlohe, Pressestelle der Hipp-Werk Georg Hipp OHG, teilt darin mit Datum vom 2. Oktober den „lieben Eltern“ mit, dass der Hersteller alles unternehme, „um der gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden“. Die Produktionsanlagen würden Hohenlohe zufolge sieben Tage die Woche, 24 Stunden laufen. Bis Ende des Jahres, schreibt die Pressesprecherin, wolle das Unternehmen die Verfügbarkeit der Produkte „wieder flächendeckend gewährleisten können“. Die Hipp-Tochtergesellschaft Bebivita teilt am 15. Oktober den Verbrauchern mit, dass auch dort die Produktionsanlagen derzeit nicht mehr still stehen würden. „Wir haben unsere Produktionsmengen soweit es uns möglich ist auf die erhöhte Nachfrage angepasst“, schreibt Karin Baumgärtel und führt darin weiter aus, dass sich das Unternehmen „aktuell rund um die Uhr und mit höchstem Einsatz“ darum kümmere, die Verfügbarkeit der Produkte zu verbessern. Wann dies sein könnte, lässt die Unternehmenssprecherin von Bebivita offen.

Von Matthias Kuhn

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