Aktion gegen Schreihals vergebens

Saatkrähe in Stendal bleibt eingenistet

Eine Saatkrähe läuft über eine Wiese in Stendal.
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Die Saatkrähe tritt selten ganz allein ins Rampenlicht. Der Vogel hat längst die Stadt für sich entdeckt. Mindestens ein Teil der Kolonien in Stendal und Umgebung wächst.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
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Mancher sieht in ihr einen Schreihals und den Schmutzfink schlechthin. Die Saatkrähe hat sich in Stendal eingenistet. Ausästungen und das Entfernen von Nestern zeigen wenig bis keine Wirkung. Und eine Schallkanone will die Stadt erst gar nicht einsetzen.

Stendal – Stendal lässt eine Schallkanone, wie etwa in der Börde schon einmal erprobt, bereits von sich aus lieber stecken und setzt auf Astschere und Säge. Eine Ausnahmegenehmigung macht es möglich. Niststätten der Saatkrähe zu entfernen und sie durch Ausästung beim Nestbau zu stören, schon das ist keine Selbstverständlichkeit. Der schwarze Vogel ist streng geschützt, der Mensch muss in der Regel mit Lärm und Dreck aus den oftmals wachsenden Kolonien mitten in der Stadt leben. Alternative Methoden nebenher durften geprüft werden. Auf dem Spielplatz an der Wendstraße wurde unter einem Baum ein Sonnensegel als Schmutzfang angebracht. Die Wegführung in Parkanlagen zeitweise zu ändern, dafür nennt ein Stadtsprecher noch kein Beispiel. Die Saatkrähe bleibt eine Herausforderung.

Im Frühjahr sind die Nester auf den Platanen in Stendal naturgemäß besser auszumachen.

Eine Ausnahmegenehmigung stellt tatsächlich die Ausnahme dar, das zuständige Landesverwaltungsamt (LVA) in Halle geht sparsam damit um. Ein Bescheid vom November bezieht sich allein auf sieben Platanen am Bruchweg (Grundschule) und sechs Platanen am Winckelmann-Gymnasium. Für das Ausästen und die Nestentfernung im Frühjahr durch eine Fachfirma hat die Stadt etwa 2900 Euro aufgewendet. Eine Erlaubnis für mögliche Arbeiten dort gibt es auch für die nächsten beiden Jahre. Das Sonnensegel gegen Dreck auf besagtem Spielplatz hat 3800 Euro gekostet. Seit Ende April werden zudem Schwerpunkte im Stadtgebiet zusätzlich gereinigt. „Diese Zusatzreinigungen werden bis etwa Mitte Juni fortgeführt und verursachen Kosten in Höhe von circa 600 Euro.“

Schallkanone nicht auf Einsatzplan

Inwieweit Astschere und Säge wirklich fruchten, bleibt abzuwarten. In diesem Jahr ließen sich die Krähen augenscheinlich nicht groß davon stören. Trotz der Maßnahmen wurden neue Nester in den Bäumen gebaut. Die Stadtverwaltung schaut bereits länger hin, mehrere Anläufe beim LVA zuvor liefen ganz ins Leere. Ihr Antrag vom Juni 2020 zielte auch auf Nester an Wendstraße, Tiergarten und Wernerplatz. Dass Niststätten abseits von Flächen „mit höheren hygienischen Anforderungen“, wie es etwa Spielplätze, Kindertagesstätten, Schulen und Krankenhäuser seien, schlichtweg zu dulden wären, auch das habe das LVA im August noch einmal klargemacht. Zudem zeigten Erfahrungen nun einmal, dass sich das Problem durch eine Regulierung lediglich verlagere. Eine Ausästung plant übrigens und wie schon berichtet auch Osterburg, bei Bäumen nahe einer Kita.

Landesbehörde mit Erlaubnis sparsam

Seit mindestens acht Jahren dürften sich Behörden in der Kreisstadt Stendal stärker mit dem Thema befassen. Gerade während des Brutgeschäfts von März bis Mai und länger sorgen die Vögel regelmäßig für Aufregung in Teilen der Bevölkerung, auch wenn die nicht in dem Maße die Stadtverwaltung erreichen muss. Für die aktuelle Saison fasst André Projahn schon einmal zusammen: „Es gab vereinzelte Beschwerden, jedoch hielten sich diese in Grenzen.“ Saatkrähen in einer gewissen Anzahl sind laut und nervig, unter den Nistbäumen sammeln sich Kot und anderer Dreck an. Gerade Anwohner können ein Lied davon singen. Schwerpunkte der Krähe liegen am Bruchweg, am Winckelmann-Gymnasium, an der Wendstraße, im Tiergarten, am Wernerplatz und am Tierheim in Borstel.

„Die Sache wird zur Brutzeit durchaus als problematisch eingeschätzt, jedoch gibt es aufgrund des Artenschutzes nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten der Eindämmung“, heißt es aus dem Rathaus. Immerhin kann die Stadt mit konkreten Zahlen arbeiten, die Naturschutzbehörde beim Landkreis hat nachgezählt. In der Stadt soll es insgesamt 540 Nester geben, das sind 19 Brutpaare mehr als im Vorjahr. Hinzu kommen 267 Paare am Tierheim in Borstel, im Vorjahr waren es 241. Dass die Kolonien 2022 weniger und kleiner werden, davon ist nicht unbedingt auszugehen. Die Ironie des Ganzen: Die Saatkrähe kommt aufs Große gesehen selten vor, sie wurde lange Zeit intensiv verfolgt. Vor etwa 30 Jahren soll es in der Ostaltmark kein einziges Brutpaar mehr gegeben haben.

Die Saatkrähe nistet bevorzugt auf Platanen, Bäumen, die bis zu 50 Meter hoch sein können. Waschbär und Marder schaffen es dort kaum hinauf, Feinde gibt es in der Stadt vielleicht auch sowieso weniger. Der Mensch bedeutet für die Krähe vor allem Sicherheit, auch soll es passende Nistbäume außerhalb gar nicht mehr so oft geben. Ihren Speiseplan passt dieser Vogel ein Stück weit der Stadt an, ernährt sich nicht allein von Maus, Regenwurm, Käfer und, wie der Name verrät, vor allem pflanzlicher Kost. Regelmäßig inspizieren Exemplare im Zentrum beispielsweise den Mönchskirchhof und probieren von Speiseresten aus und an den Abfallkörben. Ornithologen dürfen so oder so ihre Freude am Aufleben der Bestände haben. Eine regelrechte Plage sehen sie nicht.

Für ihre jüngste Initiative im Juni 2020 zur Vergrämung der Schreihälse und Schmutzfinken hatte die Stadt den Antrag nach einer Prüfung selbst begrenzt. Wer auf einen Rückzug der Vögel zumindest an den beiden Standorte hoffte, für den muss das Ergebnis ernüchternd sein. Wirklich alle Nester auf den 13 Platanen seien im Februar entfernt worden, die Tiere bauten einfach neue. Eine Schallkanone passt der Stadt da schon gar nicht ins Arsenal. „Auch mit dieser Methode wird man das Problem lediglich verlagern, unter Umstände sogar in noch sensiblere Bereiche.“ Zudem sei sie mit Lärmbelästigungen verbunden, die vom Bürger in dem Moment erst einmal richtig eingeordnet werden müssten. „Die Hansestadt setzt weiterhin auf das Ausästen und die Entfernung der Nester vor der Brutperiode.“ Im Übrigen: In der Börde soll die Saatkrähe nach dem Einsatz der Schallkanone zum Brüten einfach nur ein Stück weitergezogen sein.

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