„Die Rille führt meinen Stock“

Rot-gelbe Ratsfraktion in Stendal will Blinden-Leitsystem für „laufende Bauvorhaben“ durchsetzen

Auf der Großbaustelle im Schadewachten sind Teile des neuen Bürgersteigs gepflastert.
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Im Schadewachten soll ein Blindenleitsystem installiert werden.
  • Antje Mahrhold
    vonAntje Mahrhold
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Stendal – Für mehr Orientierung auf den Straßen und Wegen der Kreisstadt macht sich Stendals rot-gelbe Ratsfraktion stark.

Laut einem Anfang des Monats von Fraktionschef Dr. Herbert Wollmann unterzeichneten Antrag soll die aktuelle Bauzeit an drei wichtigen Magistralen der Altstadt dafür genutzt werden, sogenannte Blindenleitsysteme auf dem Boden der Hansestadt anzubringen. Dies soll nach dem Willen des Verfassers zunächst im Schadewachten, in der Fußgängerzone Breite Straße und auch in der Winckelmannstraße der Fall sein. Künftig sollen Blindenleitsysteme aber bei allen Straßensanierungen „von vornherein“ geplant werden, steht im Antragstext. „Es bietet sich an, diese baulichen Maßnahmen in den derzeit laufenden Bauvorhaben umzusetzen“, schlägt der Stendaler Mediziner darin vor.

„Ein Bienchen für die SPD“

Bei Jürgen Soisson als einstigem Chef der Stendaler Blindenverbandsberatungsstelle und bisherigem Chef der Bezirksgruppe Nord trifft der Vorstoß der Stadtratfraktion SPD/FDP/Ortsteile jedenfalls auf offene Ohren. „Das ist eine positive Sache, da stehe ich voll dahinter“, verteilt der 70-Jährige am Donnerstagnachmittag im AZ-Gespräch sogar ausdrücklich „ein Bienchen für die SPD“ – obwohl das politische Herz des Wischeraners bekanntlich für die CDU schlägt.

Und auch für die von Wollmann und Kollegen vorgeschlagene, technische Umsetzung mit Rillenplatten oder Noppenbelägen hat Soisson eine klare Empfehlung parat. „Die Rille führt meinen Stock“, favorisiert der 70-Jährige etwa im Bereich Schadewachten den Einbau von Rillen auf dem Gehweg. Noppen auf dem Boden seien zur besseren Orientierung für Sehschwache und Blinde im einstigen Prachtboulevard der größten Stadt der Altmark seiner Meinung nach ungeeignet. „Die Noppe muss ständig mit den Füßen erfühlt werden. “

Und auch die im Fraktionsantrag vorgeschlagene spezielle Markierung für Sehgehandicapte vor öffentlichen Einrichtungen sowie vor Geschäften und Gaststätten kann sich der 70-Jährige gut vorstellen.

Vorbild: Tunnel in Magdeburg

Als gelungenes Beispiel für derartige Leitsysteme verweist der Ostaltmärker auf den Bahnhofstunnel in Magdeburg. Dort seien bereits Rillen vor Geschäften installiert worden.

Soisson erblindete 1972 als Wehrpflichtiger bei einem Militärunfall. Er führte die Stendaler Beratungsstelle bis Ende 2016. Seinerzeit habe der Landesverband noch mehr als 300 Mitglieder gezählt. Inzwischen gehören ihm rund 220 Damen und Herren an. Es gibt insgesamt 25 Selbsthilfegruppen, wovon Soission für die Gruppen Osterburg, Seehausen, Arneburg-Goldbeck sowie Werben und Umgebung als Verantwortlicher fungiert.

Noppen und Rillen sind sogenannte Bodenindikatoren, die Aufmerksamkeit erregen sollen. Für den Einbau gilt eine spezielle DIN-Vorschrift. Es gibt je nach Straßensituation Aufmerksamkeitsfelder, Auffindestreifen, Richtungsfelder, Sperrfelder und Einstiegsfelder. Diese Leitsysteme müssen regelmäßig gereinigt und gewartet werden.

Das Blindenleitsystem wird, je nach weiterer Entwicklung der Pandemie, voraussichtlich im Stadtentwicklungsausschuss am 28. April diskutiert.

Erste Beratung am 28. April geplant

Die bereits zwei Tage zuvor geplante erste Beratung könne nicht stattfinden, da die Sitzung des Gremiums für Jugend, Frauen, Familie und Soziales abgesagt worden sei, erfuhr die AZ Donnerstagnachmittag im Rathaus.

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