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Solartechnik in der Altmark bleibt vom Winde verweht

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Die Windenergie liegt in der Altmark weit vor der Energiegewinnung aus Solarkraft. © dpa

Stendal. Da kann Klärchen noch so sehr vom blauen Himmel strahlen. „Die Solartechnik hat einen schweren Stand. Man darf da nichts schönrechnen. Wir sind altmarkweit das reinste Entwicklungsland“, meint Heiko Böker, im Stendaler Innovations- und Gründerzentrum BIC für regionale Energie- und Stoffströme zuständig.

er Anteil der Sonne an den regenerativen Energien liegt sogar noch unter zwei Prozent. Die Technologie sei vergleichsweise ineffizient, der Strom mit circa 18 Cent pro Kilowattstunde in der Herstellung fast dreimal so teuer wie der aus Windkraft und somit für Investoren weniger attraktiv. Außerdem gibt es in der Region nun einmal jährlich allenfalls zwischen 850 und 900 Sonnenstunden. Auch wenn die Technologie an sich nicht verkehrt sei, bleibe Fotovoltaik zumindest in absehbarer Zeit sehr wahrscheinlich bloß eine Randerscheinung, glaubt der 54-jährige Projektmanager, der von Hause aus Agraringenieur ist.

Allein 2010 flossen dem Bundesumweltministerium zufolge deutschlandweit 19,5 Milliarden Euro in den Fotovoltaikausbau. Zum Vergleich: Für Windenergie waren es 2,5 Milliarden Euro, für Biomasse insgesamt 3,6 Milliarden Euro. „Die Solarbranche scheint in der Tat ein Stück weit überfördert und ist in den letzten Jahren ein wenig zu sehr gehätschelt und getätschelt worden“, findet Böker. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu überarbeiten, Zuschüsse zu überdenken, die Vergütungen spürbar zurückzufahren, könne so gesehen durchaus auch einen „Gesundungsprozess“ auslösen. Die Solarwirtschaft bleibe eine Zukunftsbranche, auch wenn die Topfirmen im sogenannten „Solar Valley“, dem deutschen Zentrum der Solarindustrie im Dreiländereck von Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, momentan am Abgrund stehen. „Wer überlebt, ist dann tatsächlich marktfähig. Wobei es gegen preiswerte Konkurrenz aus Asien aller Voraussicht nach immer sehr schwierig sein wird.“ Der Energiefachmann setzt auf die Windkraft. Wer wie er an die Möglichkeit einer zu 100 Prozent selbst versorgten, autarken Altmark glaubt, dem bleibe auch kaum etwas anderes übrig. Alle weiteren regenerativen Energien hätten in der Region nicht das nötige natürliche Potenzial, weder Sonne noch Wasser oder Geothermie. Bei Biomasse bleibe nicht zuletzt die Flächenkonkurrenz zur Ernährungswirtschaft; auch eine moralische Frage. Fossile Energieträger wie Erdgas und Erdöl werden in den nächsten Jahrzehnten immer knapper, die Energiepreise steigen, belasten private und kommunale Haushalte. Böker: „Da muss man kein Prophet sein. Wir müssen also handeln.“ Zumal es immerhin um mindestens 500 Millionen Euro jährlich geht. Tendenz steigend. Geld, das momentan zum Großteil nicht in der Altmark bleibt, sondern den Wegen der Konzerne folgt. Derzeit dürften an die 360 Windkraftanlagen in der Region existieren. „Die Windverhältnisse in der Altmark sind nicht die besten, aber sie sind ausreichend, um wirtschaftlich arbeiten zu können.“ Böker weiß um die Vorbehalte und kennt auch so manchen Wildwuchs. Da sei für die Zukunft schlichtweg ein besseres Management nötig. Zudem rechnet er mit einem weiteren Technologieschub, wodurch die Anlagen noch leistungsfähiger würden. Und am Speicherproblem werde ja fieberhaft gearbeitet. Der Altmärker favorisiert den Weg über die Methanisierung. Wasserelektrolyse und regenerative Energie führen zu Methan als Synthetic Natural Gas, Windgas, das sich in ein Gasnetz einspeisen und normal weiterbehandeln ließe. Methanisierungstechnik könnte dicht an Windkraftanlagen gebaut werden. „Das alles zusammen könnte für die Altmark der Königsweg schlechthin sein.“ BIC-Experte Böker hat federführend am Energieversorgungskonzept der Hansestadt Stendal gearbeitet. Bei einer Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung am 30. Mai im BIC soll es hauptsächlich um dieses Thema gehen. Die zweite Überschrift seines Vortrages lautet: „Praxisfähige Strategie zur regionalen Selbstversorgung.“

Von Marco Hertzfeld

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