Berufsbildungswerk kooperiert erstmals mit Helen-Keller-Förderschule

„Realistische Wahl treffen“

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Inklusion im Gewächshaus: Ausbildungsanwärterin Nicole Böhme (20, l.) aus Halle und Kollegin Doreen Gerhardt (21) aus Grassau begeistern die Helen-Keller-Schüler Morice Brückner (16) aus Tangermünde und Kevin Müller (17) aus Steinfeld mit Stiefmütterchen.

Stendal. Links vom Buchsbaumrondell tuckert ein Minipflug gemächlich, aber es weht recht sibirisch, als Ralf Herzog gestern früh zwei seiner Schützlinge aus der Helen-Keller-Schule an die Schillerstraße chauffiert.

Dort unterhält Stendals Berufsbildungswerk (BBW) eine grüne Idylle, die bei der erstmaligen Zusammenarbeit mit der rolandstädtischen Lehrstätte für Geistigbehinderte eines von vier praktischen Erprobungsfeldern für zwölf Schüler bietet.

So nehmen Morice Brückner und Kevin Müller sozusagen an der Scholle Aufstellung. Und treffen mit dem Bereichsleiter für Berufsvorbereitung auf Gartenbau-Anwärterin Sabrina Idler. Die 17-Jährige aus Hanau in Hessen wühlt gerade mit vollem Elan im altmärkischen Untergrund. Graben ist angesagt, das macht kaum Spaß. Dafür aber um so mehr, dass plötzlich „ein alter Frosch“, wie Idler jubelt, aus dem Erdreich lugt. Das Tier entpuppt sich dann als Erdkröte im Winterschlaf-Jetlag.

Bis die Kooperationspremiere zwischen den Bildungsstätten im Stadtteil Nord und Stadtsee beginnen konnte, meisterten die Auserwählten zunächst zwei wichtige Hürden. Erstens mussten sie es innerhalb ihrer Förderschule in die Nomiertenliste schaffen und sich zweitens bei Betriebspraktika in den Werkstätten der Lebenshilfe in Tangerhütte beweisen. Als dritte Station absolvieren sie seit Montag ein Novum: die Schülerprobierwerkstatt im BBW.

„Ziel dieses Praktikums ist es, den Jugendlichen ihre praktischen Fähigkeiten bewusst zu machen, damit sie nach dem Abschluss der Schule mit den durch die verschiedenen Praktika gesammelten Erfahrungen eine realistische Wahl ihrer zukünftigen Tätigkeit treffen können“, beschreibt der Bereichsleiter. Die Probierwerkstatt startete mit einem Kennenlerntag. Bis heute schnupperten die Jugendlichen mit BBW-Jugendlichen des Berufsvorbereitungskurses in den Lehrzimmern und Werkräumen. Dabei konnten die Schüler zwischen den Berufsfeldern Garten- und Landschaftsbau an der Schillerstraße sowie Metalltechnik, Holztechnik und Polster- und Dekorationsnäher am Hauptstandort Werner-Seelenbinder-Straße auswählen.

Für das Premierenprojekt interessiert sich nun auch der Integrationsfachdienst der Arbeitsagentur. Die Zuständigen haben im Zeitalter von Inklusion Abgänger von Förderschulen fest im Blick. Welchen Sinn solche Schnupperstunden machen können, erleben die Fachleute heute Mittag im Konferenzzentrum des Bildungsträgers. Dann wird Bilanz gezogen über eine Woche Probierwerkstatt und dann erhalten alle zwölf Teilnehmer ein Zertifikat und eine Einschätzung. Und manche von ihnen finden im BBW dann vielleicht eine Perspektive.

Von Antje Mahrhold

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