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Radverein fährt in Stendal Kritik ein

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Von: Marco Hertzfeld

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Ein Fahrrad steht in einer Fahrradbox am Stendaler Bahnhof.
Zukunftstauglich in der Spur scheint der Radverkehr in östlicher Altmark und Elb-Havel-Winkel noch lange nicht. Ein landesweit agierender Verein soll Ideen liefern. © Marco Hertzfeld

Radnetz, Verwaltung und das liebe Geld: Die Zukunftsfrage der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Kommunen Sachsen-Anhalt hat im Fachausschuss des Stendaler Kreistages in andere Spuren geführt.

Stendal – Die Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Kommunen, kurz AGFK, soll sich zu einem Verein mausern. Mehr als die Rechtsform ändere sich nicht. Vizelandrat Thomas Lötsch (CDU) und Simone Tandeck, beim Landkreis für den Radverkehr zuständig, sind an diesem späten Nachmittag im Fachausschuss nicht müde geworden, genau das zu betonen. Hans-Jürgen Bootz, sachkundiger Einwohner und Mitglied der AfD, ließ sich davon nicht wirklich überzeugen. „Der Sinn eines Vereins erschließt sich mir hier nicht“, gab er sich auch nach einer längeren Diskussion unbeeindruckt. Bootz sieht mindestens „eine Art Doppelstruktur“. In allen Landkreisen und Kommunen Sachsen-Anhalts gebe es doch Mitarbeiter, die sich mit dem Rad beschäftigten. Es entstünden nur zusätzliche Kosten.

Mitglieder einhellig für weitere Arbeit

Carola Radtke (Pro Altmark) und weitere Ausschussmitglieder nutzten die Gelegenheit und fühlten dem Fachpersonal auf den Zahn. Schließlich erntet das Wegenetz in Ostaltmark und Elb-Havel-Winkel regelmäßig auch Kritik und nicht nur Lob. „Es ist uns wohl bewusst, dass wir viele Lücken haben, aber wir können aufgrund der finanziellen Lage ganz schlecht Fördermittel akquirieren“, redete Tandeck erst gar nicht um den heißen Brei herum. Landkreis und Kommunen könnten so manchen geeigneten Fördertopf nicht nutzen, weil die nötigen Eigenmittel fehlten. Die Kreismitarbeiterin führte die von Bürgern über eineinhalb Jahre getragene Spendenaktion für einen Radweg Birkholz-Cobbel ins Feld. Eigenmittel konnten so aufgebracht werden. „Eigentlich geht es im Moment auch nur so.“

Landkreis fehlt allzu oft das nötige Geld

Lötsch schaute in seinen Kleincomputer und beeilte sich, mehr Beispiele landkreislichen Engagements zu nennen. In Planung seien Arbeiten an Kreisstraßen unter anderem bei Hohenberg-Krusemark und Hindenburg, Kehnert und Grieben, Arneburg und Dalchau sowie bei Uchtspringe (B 188). „Das ist ein ganz schön knackiges Programm.“ Und natürlich, so der Zweite Beigeordnete später, wolle man über und mit dem landesweit agierenden Verein „sichtbare Ergebnisse“ erzielen und keineswegs „buntes Papier“ produzieren. „Wir wollen Lückenschlüsse, wir wollen den Ausbau.“ Schon einmal vorweg: Der Ausschuss für Bau, Verkehr und digitale Infrastruktur votierte einhellig für eine Mitgliedschaft des Landkreises im neuen Verein und reichte die Vorlage in den Kreistag für das letzte Wort. Sachkundige Einwohner der Parteien sind übrigens grundsätzlich nicht stimmberechtigt.

Wegenetz längst noch nicht rund

Dass die bisherige kommunale Arbeitsgemeinschaft keine eigene Rechtspersönlichkeit besitze, sei vom Landesrechnungshof Anfang des Jahres moniert worden, hatte Lötsch auch erinnert. Grundsätzlich habe sich herausgestellt, dass die Organisation als Verein doch einige Vorteile biete. Und ja, ein „institutionalisiertes Gremium“ habe nun einmal eine „andere Durchschlagskraft“ als Verwaltungsmitarbeiter, die sich alle Monate einmal zusammenfinden. Das habe sich schon in den bisherigen Strukturen gezeigt und solle nun fortgeführt werden. Laut Tandeck hat von den 84 Mitgliedern bereits mehr als die Hälfte der neuen Form zugestimmt. Das Land unterstütze das Ganze weiter mit jährlich 250.000 Euro. Der Verein wird seinen Sitz offenbar in Bernburg (Salzlandkreis) haben.

Regelmäßig sollte im Stendaler Fachausschuss Rapport erstattet werden, kritisch. Darauf haben an diesem Nachmittag nicht zuletzt der Vorsitzende, Bernd Prange (CDU), und Bernd Witt (SPD) gepocht. Tandeck hatte derweil schon eine Zwischenbilanz gezogen. Einiges lasse sich bereits vorzeigen, so seien über den Verbund vier E-Bike-Ladesäulen an Radwegen angeschafft worden. Sie verwies auch auf die Lastenradwerbeaktion im Frühjahr in Stendal und die sogenannte knotenbezogene Wegweisung für Radfahrer in der Region (die AZ berichtete). Es gehe um Erfahrungsaustausch und letztendlich um „Synergieeffekte“. Und: „Das Fahrrad muss nicht immer neu erfunden werden.“ Und bitte: „Wir wollen doch Multimodalität, wir wollen Radverkehr, wir wollen Klimaschutz.“

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Drahtesel kein Selbstläufer / Herunter von dem hohen Ross
Der Klimawandel zwingt zum Umdecken, das dürften auch gnadenlose Anhänger des Automobils in der Altmark erkennen. Das Fahrrad ist längst facettenreich und modern, auch das ist verstanden. Und selbstredend kann das Radeln die Gesundheit fördern und Spaß bereiten. Dennoch ist das Vehikel kein Selbstläufer. Befürworter dieses Fortbewegungsmittels sollten von ihrem hohen Sattel steigen. Soll der Drahtesel tatsächlich die Nase vorn haben und massentauglich werden, muss der Rahmen stimmen. Noch zeigen sich die Straßen altmärkischer Städte allzu oft von ihrer buckligen Seite und gerade das Wegenetz außerhalb weist viel zu viele Lücken auf. Und bitte: Wer mit Fachbegriffen um sich wirft, trifft selten das Herz und nicht bei allen den Verstand. Multimodalität im Verkehr meint übrigens die Nutzung verschiedener Verkehrsmittel für unterschiedliche Wege. So geht es beispielsweise mit dem Auto durch die städtische Peripherie und mit dem öffentlichen Verkehr in das Zentrum.

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