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Stendals Tunnelhäuschen steckt in Sackgasse

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Von: Marco Hertzfeld

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Das Tunnelhäuschen auf Stendals Bahnhofsvorplatz ist sanierungsbedürftig.
Das stadtgeschichtlich wertvolle Tunnelhäuschen wirkt stark vernachlässigt. Und die ursprünglich vorhandene markante Fensterarchitektur ist ganz verschwunden. © Marco Hertzfeld

Das Projekt Tunnelhäuschen Stendaler Heimatfreunde steckt in einer Sackgasse. So richtig vorangehen will es nicht. Michael Trösken und Mitstreiter wollen nicht locker lassen.

Stendal – Wenn denn tatsächlich der erste Eindruck zählt, dürfte Stendal seit Jahrzehnten regelmäßig verlieren. Das vernachlässigte Tunnelhäuschen auf dem Bahnhofsvorplatz ist mit das Erste, was Reisende von der altmärkischen Kreisstadt sehen. Das mehr als 100 Jahre alte Kleinobjekt soll unbedingt erhalten werden, wenngleich der Röxer Tunnel wie geplant zugeschüttet wird. Doch die Initiative von Michael Trösken und weiteren Heimatfreunden steckt ganz offensichtlich nach wie vor in der Sackgasse. Dabei haben Stadt und Bahn regelmäßig beteuert, das Vorhaben unterstützen zu wollen. „Davon gehe ich auch weiterhin aus“, sagt Trösken der AZ. Dass die Sanierungsarbeiten noch vor dem Sachsen-Anhalt-Tag Anfang Juli umgesetzt werden können, der Altmärker glaubt nicht mehr wirklich daran. „Wenn denn überhaupt, dann wird es eine echte Punktlandung.“

Der Röxer Tunnel in Stendal hat seine besten Zeiten hinter sich.
Die Zeit des Röxer Tunnels von 1912 läuft ab. Die marode Röhre ist zuletzt noch einmal aufgepeppt worden. Nun soll sie endgültig geschlossen werden. © Marco Hertzfeld

Tunnel vielleicht im Frühjahr dicht

Weil sich Um- und Ausbau des Hauptbahnhofes sowie die Freigabe des neuen Tunnels verzögert haben, braucht es länger als vorgesehen die alte Röhre. Der 1912 eröffnete Röxer Tunnel sollte eigentlich bereits zugeschüttet sein. So hätten es sich jedenfalls die Heimatfreunde gewünscht. Es sind nicht zuletzt Trösken und Wolfgang List, ein renommierter Eisenbahnforscher, die aus dem Tunnelhäuschen eine kleine feine Ausstellungshalle machen wollen. Viel Platz scheint nicht, vielleicht um die 20 Quadratmeter. Dargestellt werden soll die Eisenbahnhistorie der Stadt. Trösken beispielsweise möchte die Kopie eines Lageplans aus den 1920er-Jahren anbringen. „Das Ganze wird natürlich richtig auf Platte gezogen und für den Betrachter ansprechend präsentiert.“ Der Stendaler verdient mit Druck-Erzeugnissen und Werbung seine Brötchen.

Initiatoren wollen Geschichte zeigen

Der Röxer Tunnel hatte zuletzt einen schlechten Ruf, es stank immer wieder nach Urin, Unrat lag am Boden. Reisende und andere Nutzer wissen ein Lied davon zu singen. Der Glanz vergangener Tage ist längst verflogen. Dass die Röhre verfüllt und geschlossen wird, ist ausgemachte Sache. Zuletzt hieß es von der Bahn, es könnte Ende Januar beginnen. Das Tunnelhäuschen auf dem Bahnhofsvorplatz bleibt erhalten, sein Gegenstück an der Lüderitzer Straße nicht. „Vermutlich lassen sich noch Bauteile für die Sanierung drüben verwenden“, meint Trösken. Beim Häuschen auf dem Bahnhofsvorplatz gehen es ihnen vor allem um Fachwerk, Dach, Beleuchtung und Regenabfluss. „Alles muss erneuert oder sogar ganz neu geschaffen werden. Und umsonst gibt es das auch alles nicht.“ Einige Tausend Euro werde das Ganze kosten, die Kaschade-Stiftung wolle zumindest einen Beitrag leisten.

Denkmal benötigt Rundumkur

Inwieweit die einst so markante Fensterarchitektur wieder hergestellt werden kann oder soll, muss sich zeigen. Auf historischen Aufnahmen ist sie zu sehen. Bei Umbau und Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes Anfang der 2000er-Jahre ist das Tunnelhäuschen frei gestellt worden, das heißt, ein Anbau verschwand. Wirklich saniert hatte die Bahn das Häuschen damals nicht, daran sollte sich auch später nicht viel ändern. Trösken und Mitstreiter hoffen, dass das nun nachgeholt wird, unter wessen Federführung auch immer. Die Treppenstufen könnten zukünftig den Boden bilden. Pendeltüren sollten angebracht werden, so wie einst vorhanden. „Nachts sollte das Häuschen abgeschlossen werden können.“ Der Stendaler setzt hierbei nicht zuletzt auf die Taxifahrer, die gleich daneben ihre Stellflächen haben. Sie könnten eine Art Patenschaft bilden und die Schlüssel haben.

Kaschade-Stiftung will Beitrag leisten

Stendal erwartet zum Sachsen-Anhalt-Tag vom 1. bis 3. Juli mindestens eine viertel Million Besucher. 1000 Jahre Stadtgeschichte werden 2022 ebenfalls gefeiert. Dass das Tunnelhäuschen am Hauptbahnhof dieses Jahr seiner neuen Bestimmung übergeben werden kann, Eisenbahnfreund Trösken glaubt nicht wirklich mehr daran. Auf Nachfrage der AZ heißt es aus dem Büro des Oberbürgermeisters von Rathaussprecherin Susanne Hellmuth: „Das Häuschen ist als Denkmal sehr wertvoll für die Hansestadt.“ Und: „Das Denkmal befindet sich im Besitz der Deutschen Bahn.“ Und weiter: „Grundlagen für alle weiteren Planungen wäre eine Vereinbarung mit dem Eigentümer, der Deutschen Bahn. Zwischen der Stadtverwaltung und der Deutschen Bahn gibt es bereits einen Austausch. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es in der Sache noch nichts Konkretes zu berichten.“

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Projekt verschlafen - Zug scheint abgefahren:
So richtig auf dem Schirm hatte die Bahn das Tunnelhäuschen schon nicht, als der Vorplatz vor 20 Jahren saniert wurde. Auch danach fristete das kleine und doch so auffällige Gebäude ein Schattendasein. Und nun könnten auch die Besucher des Sachsen-Anhalt-Tages tatsächlich vor einem derart vernachlässigten Objekt stehen. Die Stadt will mit dem Bahnkonzern längst gesprochen haben, nun gut. Wirklich Spruchreifes ist dabei offensichtlich nicht herausgekommen. Verzögerungen im Zeitplan an anderer Stelle hin oder her. Ein Projekt hätte bereits parallel vorangetrieben werden können. Der Zug für 2022 scheint abgefahren.

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