Pfarrer Eichenberg im Ruhestand aktiv

Über Kirchturm in Stendal hinaus

Pfarrer Dr. Tobias Eichenberg zündet in der Lutherkirche zu Stendal eine Kerze an.
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Dr. Tobias Eichenberg ist Pfarrer aus Leidenschaft und Familienmensch sowieso. Er hat fünf Kinder und sechs Enkelkinder. Für Urenkel sei er noch zu jung.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Ein charismatischer Pfarrer in Röxe geht in den Ruhestand und will auch dann aktiv sein und predigen. Dr. Tobias Eichenberg bleibt Stendal und Umgebung erhalten.

  • Pfarrstelle in Röxe zum Sommer ausgeschrieben
  • 65-Jähriger: Kirche hat an Einfluss verloren
  • Fusion altmärkischer Kirchenkreise möglich

Stendal – Er öffnet die große Tür zur Lutherkirche, geht die Bänke entlang, schaut nach links und rechts und zündet am Altar die Kerzen an. Es scheint fast so, als wolle Dr. Tobias Eichenberg dieser Tage vieles ein letztes Mal machen. „Ich bin und bleibe doch aber bei den Menschen“, sagt er der AZ und lächelt milde. Seine Zeit als Pfarrer endet am 28. Februar, 1999 hatte er die Kirchspiele Stendal Süd-West und Buchholz übernommen. Die Familie verlässt die Hansestadt nicht, Ehefrau Christine ist Gemeindepädagogin und Kantorin. „Natürlich sind wir hier auch verwurzelt und fühlen uns wohl“, versichert der 65-Jährige. Dabei über den eigenen Kirchturm hinauszuschauen, ist für ihn kein Widerspruch.

Vater Friedrich Carl einst Propst in der Region

Eichenberg ist im Harz geboren und an mehreren Orten aufgewachsen, die Schulzeit absolvierte er schon zum großen Teil in Stendal. Das Evangelium ist ihm quasi in die Wiege gelegt worden, Vater Friedrich Carl war später bis 1980 Propst in der Region. Familie und Glaube seien wichtig, natürlich. Eichenberg studierte in Dresden, Halle und Naumburg. Er arbeitete als Vikar in Tangermünde, in Klietz das erste Mal als Pfarrer, und das mitten im politischen Umbruch. „Aus der Wende habe ich die Erfahrung von Freiheit mitgenommen, auch die Erfahrung von Bewahrung, denn es hätte auch alles weniger friedlich ablaufen können. Und dann war da noch diese Aufbruchstimmung, unvergessen.“

In den Jahren habe sich vieles verändert. „Die zur Wende vollen Kirchen haben ihren Zulauf nicht behalten, wir sind im Ganzen mit der Bevölkerung ein Stück weit schwächer geworden.“ Dass wirklich jede Sparmaßnahme der Kirche unweigerlich folgen müsse, Eichenberg scheint davon nicht unbedingt überzeugt. Strukturen verändern sich, Einheiten und Aufgaben wachsen. Irgendwann in den nächsten Jahren werde sicherlich auch über eine Fusion der beiden altmärkischen Kirchenkreise gesprochen. Die Pfarrstelle in Röxe ist zum 1. August ausgeschrieben, auch sie wird offenbar zusätzliche Aufgaben umfassen. Insgesamt gut 700 Menschen zählen aktuell zu den Kirchengemeinden.

Arbeiten an Lutherkirche auf dem Zettel

Der 65-Jährige schaut zur Voigt-Orgel hinauf, sie sei in einem guten Zustand. Die Lutherkirche selbst, 1905 errichtet, müsse sicherlich mittelfristig einmal größer am Turm betrachtet werden. Momentan geht es vornehmlich um noch überschaubare Arbeiten am Glockenstuhl, die aber auch ihren Preis haben. Einiges wurde über die Jahre geschaffen, eine Heizung beispielsweise. „Die Gemeinde hat immer geholfen und mitfinanziert“, weiß der promovierte Theologe. Drei Kirchen in der Kernstadt und in vier Dörfern gehören zu seinem Wirkungskreis. Ganz so ruhig soll der Ruhestand auch nicht werden. Er will noch predigen, aushelfen, und dazu weiterhin Dozent im kirchlichen Fernunterricht sein.

Familie, Sowjetunion und Israel

Der Altmärker erzählt auf dem Weg in die Gemeinderäume gegenüber von seiner Mutter Gabriele, die sich für Gemeinden in der Sowjetunion engagierte und extra Russisch lernte. Nach der Wende in der DDR war der familiäre Kontakt zu Holocaust-Überlebenden in Israel möglich. Eichenberg fand über einen Freund zur Lettland-Hilfe und deren Herzstück, einer Schule. Wichtig seien auch die Kontakte zu einem Kinderprojekt in Afrika. „In den Gemeinden wurde oft für andere gesammelt.“ Der 65-Jährige bleibt vor einer Pyramide stehen. Sein Vater habe sie einst im Erzgebirge zu einem gehörigen Teil selbst angefertigt. Unten an der Basis ist ein Davidstern zu erkennen, oben das christliche Kreuz.

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