„Passiert doch jeden Tag“

Druck lass nach: Fünftklässler Nick lässt sich auf eine „Machtprobe“ mit Lehrerin Jutta Rosenbruch ein.

Stendal - Von Antje Mahrhold. Fast lippennah sind sich die aufgerissenen Münder zweier Wutmädchen, Vorsicht Explosionsgefahr also. Nur ein Symbolfoto fürs Gewaltbarometer, aber doch eine Sequenz, die das Deeskalationstraining gestern in der Gagarin-Sporthalle versinnbildlicht.

„Macht die Augen zu, eine Minute lang!“ Im Rund auf Turnhallenboden blinzeln 20 Fünftklässler, was Trainerin Irene Huwa geflissentlich übersieht. Die Truppe soll sich sammeln, Konzentration tanken, damit anschließend allerlei alle möglichen Alltagsszenen darstellende Buntbilder sortiert werden können. Je nachdem, ob die Protagonisten dieser Schnappschüsse gerade jemanden an den Haaren ziehen, schubsen, ohrfeigen, streicheln oder anlächeln, landen die postkartengroßen Symbolfotos an der Barometer-Skala. Diese rekrutiert sich aus den zwei Endpolen „Gewalt“ und „Keine Gewalt“, was es mit ihr Arbeitenden aber trotzdem nicht leicht macht, Banalitäten des Alltags zu kategorisieren.

„Das passiert doch jeden Tag“, philosophiert Lukas. Er hält das Foto zweier sich heftig prügelnder Lausebengels in der Hand, als sich zwischen dem Trainerinnen-Duo des interkulturelle Gewaltprävention betreibenden Projekts „Stadtseekinder auf Kurs“ und deren Schützlingen ein doch recht tiefgründiger Disput darüber entwickelt, ob es „leichte Gewalt“ gibt. Nur so ein bisschen schubsen vielleicht oder ganz wenig in die Fresse hauen? „Gewalt ist, wenn jemand körperlich oder seelisch verletzt wird“, definiert Elisaveta Knol.

Dann gruppiert sich die Runde paarweise, um beim gegenseitigen Händeandrücken und -loslassen selbstbewusstes Auftreten und individuelle Stärke zu spüren. Später noch sollen alle ihre Körper ganz fest anspannen, um für die nächste Übung, eine Schulterschubs-Situation, gewappnet zu sein. „Welcher Stand ist auf der Straße der Beste?“, fragt Deeskalationsexpertin Huwa. Ihre Kollegin demonstriert und stellt den linken Fuß quer, was stabilisiert, steht mit geradem Rücken im Ausfalllschritt, das hält die Spannung und streckt den rechten Arm auf Augenhöhe, eine echte Kontaktbremse. Besonders letztere Geste, hört die Schülerschaft, sei wichtig, weil sie kommunikationshemmend wirke und den Blickkontakt zwischen Angreifer und Angegriffenen unterbreche. Das schaffe Distanz und Distanz sei eben auch wichtig.

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