„Gibt nicht nur den einen Slogan“

Neuer Vize-Landrat blickt über Altmark-Marke „Grüne Wiese“ hinweg

Thomas Lötsch hat zuvor die Wirtschaftsförderung im Landkreis Cuxhaven geleitet. Einen Internetauftritt von der Nordseeküste zeigt er gern. In der Altmark will er nun mit anderen an einer Aufbruchstimmung arbeiten.
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Thomas Lötsch hat zuvor die Wirtschaftsförderung im Landkreis Cuxhaven geleitet. Einen Internetauftritt von der Nordseeküste zeigt er gern. In der Altmark will er nun mit anderen an einer Aufbruchstimmung arbeiten.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Stendal – Den Mund verbrennen will sich Thomas Lötsch ganz offensichtlich nicht. Doch so richtig zu schmecken, scheint auch ihm der Slogan „Die Altmark. Grüne Wiese mit Zukunft“ nicht.

Dass die vor knapp sieben Jahren entwickelte Charme-Offensive der Region auf dem Prüfstand steht, weiß auch der neue Vize-Landrat nur zu gut. „Wir brauchen ein klares Standing. Es gibt nicht nur den einen Slogan“, tastet er sich im AZ-Gespräch voran. Wahrscheinlich laufe es nun auf mehrere Leitsprüche hinaus. Und weiter: „Ich vermute, dass die Farbe Grün bleiben wird. “ Von der eher ungeliebten Wiese könnte bald keine Rede mehr sein.

Der Slogan war von Beginn an umstritten. Inwieweit die Marke noch zeitgemäß ist, soll nun überprüft werden. Der Altmärkische Regionalmarketing- und Tourismusverband (ART) und weitere Partner haben, wie berichtet, im Herbst eine Umfrage gestartet. Bürger, Unternehmer und auch Leute von außerhalb sollten daran teilnehmen, die endgültigen Ergebnisse stehen noch aus. Lötsch ist zuständig für die Wirtschaftsförderung, das Regionalmarketing spielt dort hinein. Seit August im Amt, dürfe er sich doch zumindest einen ersten Eindruck erlauben. Und dieser lautet: „Die Menschen identifizieren sich wenig mit diesem Slogan.“

Prof. Hans-Jürgen Kaschade findet deutlichere Worte. „Das Ding ist mehr oder weniger für die Tonne. Ein Slogan in dieser Sache muss witzig oder ironisch sein. Die ,grüne Wiese’ ist beides nicht. In einer der trockensten Gebiete Deutschlands mit ihr zu werben, ist zudem inhaltlich unklug.“ Wenn es denn schon auf landschaftliche Besonderheiten in einer Marketingstrategie ankommen soll, dann hätte jene für die Altmark doch mehr auf Sand gebaut sein sollen. „Beide Landkreise verfügen über erhebliche Heideflächen, und selbst die dichteren Wälder wachsen hier oftmals auf Sand.“

Mit der passenden Außendarstellung hatte Prof. Kaschade beruflich selbst immer wieder zu tun. Er baute die Hochschulen in Magdeburg und Stendal auf, führte die Geschäfte des Existenzgründerzentrums BIC, hob mit seiner Frau Hermine die Kaschade-Stiftung aus der Taufe, betrieb das Literaturhilfswerk Stendal, brachte sich in Kunst und Kultur der Hansestadt ein, ist seit 2017 Ehrenbürger. Einen wirklich Top-Spruch für die Altmark hat der 80-Jährige auch nicht parat. Vielleicht müssten die Leute auf der Straße stärker einbezogen werden. Irgendwelchen Werbebüros allein sollte es doch bitte nicht überlassen werden.

Einen Wettbewerb von der Kaschade-Stiftung getragen soll es nicht geben, wiegelt der 80-Jährige im Gespräch mit der AZ lieber erst einmal ab. So etwas passe nicht sonderlich gut in das Profil der Stendaler Stiftung. Auch sollte die Entscheidung über den aktuellen Altmark-Slogan abgewartet werden. Auf der Landkreisseite im Internet heißt es seit Mitte September: „Da die Wiese nun blüht und die Altmark in der Zukunft angekommen ist“, setze der ART die Marke auf den Prüfstand. Prof. Kaschade hat seinen Hauptwohnsitz in Niedersachsen und verbringt mindestens zwei Tage in der Woche in Stendal.

Lötsch stammt aus Sachsen und hat zuletzt im Landkreis Cuxhaven (Nordsee) gearbeitet. „Welch besondere Flecken Erde die Altmark ist, davon wissen außerhalb der Region nur wenige Menschen“, meint der 44-Jährige. Die Rolle von Landkreisen sei begrenzt, es handele sich ja nun einmal um „künstliche Gebilde“, ohne „eigene Fläche im eigentlichen Sinn“ und eine gewachsene Geschichte. Auf die Region zu setzen, ergebe durchaus Sinn. „Regionalmarketing ist wichtig und hilft nicht allein der Wirtschaft und insbesondere dem Tourismus. Die Menschen sollen stolz sein auf ihre Region, das wünsche ich mir.“

Allzu oft bewegen sich beide Landkreise gerade in wirtschaftlichen Fragen bestenfalls im hinteren Feld. „Es scheint sich ein regelrechtes Trauma gebildet zu haben, man füllt sich abgehängt.“ Lötsch (CDU) kann das nicht wirklich nachvollziehen und schon gar nicht für die Zukunft hinnehmen. „Wir leben in einer Gegend, um die uns andere beneiden.“ Es solle nicht bei Floskeln bleiben. „Wir müssen ein bisschen mutiger, frecher und kreativer sein als andere.“ Lötsch denkt auch an virales Marketing, über soziale Netzwerke und Medien wird mit einer meist ungewöhnlichen Nachricht auf eine Marke aufmerksam gemacht.

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