„Thügida“ führt Gesinnungsgenossen nicht ganz störungsfrei durch Stendal

Neonazi-Aufzug blockiert: „Gegenprotest von außen“

+
Vermummte üben die Attacke auf Gegendemonstranten. Ordner des rechten Aufzuges haben alle Mühe, sie in die Schranken zu weisen.

Stendal. Musik wie aus einem Heimatfilm der 1950er-Jahre tönt vom Sperlingsberg die Breite Straße hinauf.

Die Frommhagenstraße in Höhe der Uchtebrücke ist dicht. Gegendemonstranten blockieren die geplante Wegstrecke.

Als die Klänge martialisch werden, verliert Fabian Pfister, der Landesvorsitzende der sozialistischen „Falken“, nahe der Poststraße endgültig die gute Laune: „In kleineren Städten wie Stendal ist die Zivilgesellschaft gegen Nazis nicht so gut aufgestellt wie in Magdeburg und anderswo. Umso wichtiger ist es, dass der Gegenprotest auch von außen kommt. “ Die kleine Gruppe, darunter auch einige Altmärker, sollte dem rechtsradikalen Aufzug mit, wie die Polizei zählt, 100 Teilnehmern in diesem Moment am nächsten kommen. Das Bündnis „Herz statt Hetze“ hat vor dem Dom ein buntes Fest organisiert.

Die Teilnehmer am Aufzug müssen Plakate wie dieses sehen.

Der Bereich an der Sperlings-ida ist mit Gittern abgesperrt. „Passen Sie auf sich auf“, gibt ein Polizist Journalisten mit auf den Weg. Als Martin Knaak, Mitbegründer der Bürgerbewegung Altmark, über das Mikrofon Stendal und „Patrioten“ begrüßt, antwortet ein Falke gut 50 Meter weiter oben durch das Megafon: „Wir wollen euch hier nicht.“ Berlinerin Elke Metzner wettert unbeeindruckt gegen „Volksfeinde“ und „Merkels Asylpolitik“, spricht von „Gutmenschen“ und der „Lügenpresse“ und rät ihren Gesinnungsgenossen: „Lasst euch nicht provozieren, prägt euch lieber die Gesichter ein.“

„Thügida“ kann einpacken und rüstet für den Marsch.

Die Stimmung ist leicht angespannt. Alexander Kurth, Funktionär der Partei „Die Rechte“, filmt und fotografiert mit dem Handy. Politische Gegner haben entlang der Wegstrecke Plakate geklebt. Der Lautsprecherwagen der „Thügida“, eines rechtsextremistischen Netzwerkes auf Expansionskurs, fährt vorn, Leipziger Kurth gibt unter dem Motto „Vereint für ein freies und souveränes Deutschland“ den Ton an. Die Berliner „Bärgida“, ein Ableger der islamfeindlichen „Pegida“, und verwandte Organisationen sind genauso vertreten wie sogenannte Autonome Nationalisten, einige davon vermummt. Kleidung mit der Aufschrift „Bürgerwehr Freital“ und „NPD-Tour“ sind auch zu sehen.

Die Polizei hält sich im Hintergrund und hat die Lage im Griff.

Der zum großen Teil weit gereiste Haufen zieht über Schadewachten weiter bis hinein ins Stadtseegebiet. Die Fensterplätze sind gut besetzt, eine Mietpartei hat die Deutschlandfahne über den Balkon gehängt und bekommt dafür Applaus, vereinzelt ernten die Rechten Buhrufe. Weil Gegendemonstranten die Frommhagenstraße blockieren, müssen die Neonazis einen anderen Weg nehmen. Am Dom und vor dem Landgericht kommen sich beide Seiten besonders nah. Polizeisprecherin Christiane Ber-gande resümiert am Ende gegenüber der AZ: „Alles verlief weitestgehend störungsfrei.“

Von Marco Hertzfeld

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare