Menschen treibt es in Wald und Flur

Stendaler Nabu: Corona stresst die Natur

Im Wald bei Stendal ist ein Fußabdruck im Boden.
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Seinen Fußabdruck hinterlässt der Mensch in heimischer Natur rund um Stendal wohl nicht unbedingt weniger.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Wenn alles oder vieles ruht, müsste sich doch die Natur vom Menschen ein Stück weit erholen können. Dass die Corona-Pandemie die Ökosysteme nicht unbedingt aufatmen lässt, der Chef des Stendaler Naturschutzbundes Deutschland ist davon überzeugt.

Stendal – Die Umwelt profitiere vom globalen Stillstand, die Natur erhole sich vom Menschen, heißt es immer wieder einmal in den verschiedensten Medien. Wenn denn der Corona-Pandemie irgendetwas Positives abzugewinnen sei, dann doch bitte das. Über solche und ähnliche Aussagen kann Biologe Dr. Peter Neuhäuser in der Tangermünder Ortschaft Buch nur den Kopf schütteln. „Sie stimmen leider so gar nicht“, ist der Vorsitzende des Stendaler Naturschutzbundes (Nabu) auf Nachfrage der AZ überzeugt. International gebe es riesige Probleme in Schutzgebieten, weil die Tourismuseinnahmen zur Finanzierung beispielsweise der Parks in Afrika und Südamerika nahezu völlig weggebrochen seien.

Dr. Neuhäuser: Druck auf Schutzgebiete

Gedanklich sonderlich weit wandern muss der Nabu-Chef aber gar nicht, auch in Europa und Deutschland treffe Corona die Natur. „Weil die Menschen, da sie nicht verreisen können, natürlich viel mehr zu Hause unternehmen.“ Neuhäuser sieht einen „massiv erhöhten Druck“ auf Schutzgebiete und findet dafür auch schnell einfache Beispiele. So würden vielerorts Hunde unangeleint laufen gelassen und es werde fleißig „gesondelt“, obwohl dies ebenfalls verboten sei. Wer es nicht weiß: Beim Sondeln suchen Menschen mit einem Metalldetektor nach historischen Gegenständen im Boden, offenbar ein wachsendes Phänomen. „Sehr zum Leidwesen auch des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle.“

Spielregeln und der behutsame Tourismus

In der ländlich geprägten Altmark müsse sich die Natur eigentlich schon gar nicht vom Menschen erholen. „Wenn sich alle ein wenig an die Spielregeln halten“, betont der Nabu-Chef. Es sei eben wie bei Corona und mit den AHA-Regeln. Wobei aber ganz aktuell das Betretungsverbot nach dem Landeswaldgesetz für Grünflächen und Äcker gelte, und zwar von Aufwuchs bis Ernte, also von März bis Oktober, abseits öffentlicher Wege. Dass die Natur den Menschen und behutsamen Tourismus brauche, gelte übrigens überall weltweit in sogenannten peripheren Regionen. „Für viele ländliche Regionen in Deutschland ist die Inwertsetzung des Naturkapitals ein wichtiger regionaler und lokaler Einkommensfaktor.“

Kreisverband zählt 300 Mitglieder

Neuhäuser führt seit Mitte der 1990er-Jahre das Zepter im Nabu-Kreisverband. Die Organisation zähle recht konstant circa 300 Mitglieder, „ein solides Fundament“ ehrenamtlicher Mitarbeiter. Neue Mitstreiter seien immer willkommen. Auf die jüngeren Berichte zu Streuobstwiesen habe es schon einige Nachfragen nach Beratung, Neuanlage und auch Ernte und Saftherstellung gegeben. Die Vereinsarbeit selbst gestalte sich derzeit abgebremst, Treffen analog seien natürlich nur eingeschränkt und nach den Regeln möglich. Insoweit gab es nun auch ein Jahr lang keine normale Mitgliederversammlung, die nächste ist für den Herbst avisiert. „Wenn es denn wieder erlaubt sein sollte und wird.“

Amphibien, Wiesenbrüter und Orchideen

Die Arbeit des Nabu in Buch läuft relativ unbeeindruckt von allem weiter. Von den Amphibienschutzzäunen an der L 31 sind bereits zwei wieder abgebaut, die Barriere an den Elsholzwiesen steht noch. Dort lebten aktuell viele Kreuzkröten, die Art sei in der Roten Liste 2020 als stark gefährdet eingestuft. Die Kreuzkröte ist abends durch ihre melodischen Gesänge weithin hörbar. Neuhäuser hat momentan auch besonders die Wiesenbrüter auf dem Zettel, die wieder erfasst werden müssen. In diesem Jahr gebe es erstmals wieder mehr Kiebitze, die aber auch speziellen Schutz gegen Prädatoren wie Fuchs und Waschbär brauchten. Auch müssen die Nester erst einmal gefunden werden.

Auwaldbäum im Blick

Es laufen zudem zwei überregionale ELER-finanzierte größere Projekte zum Orchideenschutz und zum Schutz der Stromtalwiesen. Für den Auenwald möchte der Nabu gern noch mehr machen. In den vergangenen beiden Jahren konnten durch private Spenden von Bürgern, unter anderem Ärzten, auf zehn Hektar Nabu-Fläche circa 50 große Auwaldbäume gepflanzt werden. Neuhäuser nennt Stieleiche, Esche und Ulme. „Naturschutz braucht Fläche. Wenn uns also jemand unterstützen möchte – nicht nur Geld ist wichtig, sondern auch Fläche, das heißt: Acker und Grünfläche.“ Weitere Hinweise zur Arbeit des Verbandes in der östlichen Altmark finden sich unter www.wildnis.info.

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