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Menschen mit Behinderungen geben öffentlichen Verkehrsmitteln im Landkreis mittelmäßige Note

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Von: Lisa Maria Krause

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Die Gruppe wartet, während ein Bahnmitarbeiter dem Rollstuhlfahrer Marcus Graubner beim Aussteigen hilft.
Die Mitglieder des Inklusionsbeirates machen den Test – und stellen dem ÖPNV im Landkreis ein gemischtes Zeugnis aus. Beim Ein- und Aussteigen brauchen Rollstuhlfahrer noch immer Unterstützung. Ein Filmteam begleitet die Gruppe. © Lisa Maria Krause

„Es sind nicht nur die Stufen hier auf dem Gelände, es sind auch die Barrieren in den Köpfen der Leute“, erklärt Marcus Graubner der AZ. Der Rollstuhlfahrer aus Tangerhütte hat an einer Erkundung der öffentlichen Verkehrsmittel von Stendal über Tangerhütte, Tangermünde und zurück teilgenommen, die alljährlich vom Inklusionsbeirat des Landkreises veranstaltet wird. Die Meinungen der Teilnehmer sind recht durchwachsen.

Stendal - „Wir wollten eigentlich ein positives Resümee ziehen“, sagt Graubner. Das sei aber trotz mehrerer Millionen Euro, die in den Stendaler Bahnhof flossen, immer noch nicht möglich. „Ich dachte, wir sind weiter.“ Graubner bereiten vor allem Abstände zwischen den Zügen und Bahnsteigen sowie abgefahrene Rampen Probleme.

Er sei immer noch auf helfende Angestellte der Bahn angewiesen, berichtet er. „Es geht immer noch nicht selbstständig.“ Teils seien die Abstände am Bahnsteig riesengroß und der Rollstuhlfahrer müsse separat vom Rollstuhl in den Waggon gehoben werden. „In Tangerhütte geht es vom Bahnsteig nach unten. In Stendal sind es trotzdem noch 20 Zentimeter Abstand.“ Immerhin: In der Kreisstadt wurde der Bahnsteig mit dem Umbau auf Höhe der Züge angehoben.

Die Gruppe steht auf Gleis 1 und hält ein Transparent „Tempo machen für Inklusion - barrierefrei zum Ziel“.
Die Gruppe zeigt bewusst Flagge am Stendaler Bahnhof. Trotz Ausbesserungen stellt er sie nicht zufrieden. © Lisa Maria Krause

Die Rampe, die vom Bahnhofsgebäude aufs Gleis führt, lässt ebenso noch zu wünschen übrig. Der Beton ist dort zu abgefräst oder weggespült, um als Rollstuhlfahrer die Rampe selbstständig nehmen zu können, erklärt Graubner und betont: „Barrierefreiheit ist nicht ein Vorteil für andere, es ist ein Vorteil für alle.“

Ronald Müller hält sich kurz gegenüber der AZ. Für ihn hätten sich keine Probleme ergeben, berichtet er: „Ist gut.“

Für Annemarie Kock, Leiterin der Stendaler Beratungsstelle „Blickpunkt Auge“, ist vor allem wichtig, wie vertraut ihr die Wege sind, damit sie sich möglichst ohne Begleitung zurechtfinden kann. So kenne sie sich beispielsweise in Tangerhütte relativ gut aus. Allerdings sei es schade mit der Lebenshilfe im Ort, denn am Bahnhof gibt es keine Lautsprecheransage. „Ich wäre da verloren.“ In Tangermünde sehe es ähnlich aus.

Kock geht mit ihrem Blindenstock eine Treppe hinunter.
Annemarie Kock testet die Blindenleitsysteme. Im Moment stören sie am meisten die Baustellen. © Lisa Maria Krause

In Stendal kennt sich Kock gut aus und orientiert sich trotz Bauarbeiten an verschiedensten Dingen wie Geräuschen. Trotzdem beeinflusst der Umbau sie, denn nun, wo der Vorbahnhof zugeschüttet wird, kann die Beraterin für Menschen mit einer Sehbehinderung nicht mehr direkt auf das Bahnhofsgelände, muss die Absperrungen umgehen. Da sei sie lieber mit Begleitung unterwegs, erklärt Kock der AZ. „Es ist wichtig, die Wege so zu kennen.“

Ziel der Erkundungen ist, dass Menschen mit Behinderungen möglichst ohne Hilfe die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können. Dem ist noch immer nicht so, stellt Teilhabemanagerin Johanna Michelis mit Bedauern fest. Eine Hürde ist der Rufbus. Aufgrund der vorherigen Anmeldung brauchen Menschen mit Behinderungen bereits an dieser Stelle oft Unterstützung. Das hänge auch davon ab, in welcher Form und wie stark sie beeinträchtigt sind.

Laut Michelis fehlt es noch an Flexibilität. Ein Gespräch mit der Bahn soll im Sommer oder Herbst folgen.

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