Anhänger und Gegner der AfD kriegen sich in die Haare

„Meile der Demokratie“ trägt Blessuren davon

Schüler rollen den mehr als einen Kilometer langen Meilenschal aus. Er soll symbolträchtig verbinden.
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Schüler rollen den mehr als einen Kilometer langen Meilenschal aus. Er soll symbolträchtig verbinden.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Magdeburg. „Fasizme karsi omuz omuza!“ Was in Türkisch auf dem Transparent in vorderster Front steht und übersetzt so viel wie „Schulter an Schulter gegen Faschismus!“ heißen soll, bringt einen AfD-Anhänger in Rage.

„Könnt ihr kein Deutsch?“, lärmt er einen der Demonstranten an. 

Der Alternative für Deutschland wehte zur „Meile der Demokratie“ in Magdeburg ein kalter Wind entgegen. Vor ihrem Stand kam es zu Rangeleien und Wortgefechten. Die Polizei musste Gefolgsleute und Gegner der erzkonservativen Partei auf Abstand halten. Mittendrin: Der Tangermünder Ulrich Siegmund, der für die AfD im Landtag sitzt, und sein Stendaler Parteifreund Matthias Büttner, Mitglied des Bundestages.

Was die AfD ist und was sie nicht ist, darüber geraten Anhänger und Gegner vor dem Stand der erzkonservativen Partei in Streit.
Die Stendaler Band „Tick2Loud“ spielt auf.

Etwa 6000 Menschen sollen sich nach Angaben der Organisatoren an der Meile, einer Art Winterfest für Toleranz und Weltoffenheit, beteiligt haben. Musik, Kultur und Lesungen: Mehr als 100 Vereine, Verbände und Organisationen hatten zur zehnten Auflage eingeladen. Die Stendaler Partyband „Tick2Loud“, 2016 gegründet, sorgte in kleiner Formation für einen der kulturellen Beiträge. Dustin Saitzek, Amadeus Wedel und Jan Düwel spielten Coversongs und Werke aus eigener Feder. „Es ist unser erster Auftritt hier in Magdeburg. Eine gute Gelegenheit, sich einem breiten Publikum zu präsentieren“, sagte Saitzek, ein 19-jähriger Student, der AZ.

Im Rücken der Gegner: Matthias Büttner (l.) und Ulrich Siegmund.

Fast zeitgleich zur Eröffnung des Straßenfestes formierte sich ein Protestzug unter dem Titel „Blau ist das neue Braun“, nur einen Steinwurf weit vom AfD-Stand entfernt. Was Büttner, Siegmund und zwei, drei Parteifreunde offenbar dazu bewegte, sich den politischen Gegner direkt anzuschauen. Die Polizei hatte auch das im Blick. Gut 600 Menschen zogen durch die Innenstadt, darunter Vertreter jener Organisatoren, die eine Beteiligung an der Meile wegen der AfD abgesagt hatten. David Begrich, federführendes Mitglied des Vereins „Miteinander“ mit einer Dependance in Salzwedel, am Mikrofon: „Die AfD ist eine demokratisch legitimierte Partei, da sie gewählt ist, doch programmatisch ist sie undemokratisch.“ Die Auseinandersetzung mit ihr müsse inhaltlich geführt werden „und nicht mit Polemik“.

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Kontrolle einer AfD-Gegnerin.

m späteren Nachmittag näherten sich rund 80 Demonstranten immer mehr dem AfD-Stand ganz am südlichen Ende der Meile, anfangs still, irgendwann war auch „Alerta, Alerta Antifascista!“, der Schlachtruf der Antifa, zu hören. Parteiverantwortliche fühlten sich zunehmend bedroht und riefen die Polizei. Linke Aktivisten versuchten, den Stand mit rot-weißem Flatterband abzugrenzen. Ein AfD-Landtagsabgeordneter will schon zuvor bespuckt, eine weitere Person am Stand später körperlich angegangen worden sein. Anhänger und Gegner der AfD kriegten sich vermehrt in die Haare. Die Polizei nahm unter anderem mehrere Strafanzeigen wegen Körperverletzung auf und erteilte Platzverweise.

AfD-Landeschef André Poggenburg twitterte, die „linke Ausgrenzungsstrategie“ sei völlig fehlgeschlagen. Der Anlaufpunkt seiner Partei sei der am besten besuchte Stand gewesen.

Kurden zeigen Flagge.

Noch bevor es dämmerte, demonstrierten noch einmal mehrere Hundert Menschen, diesmal vornehmlich Kurden. Ihr Protest richtet sich nicht zuletzt gegen die Türkei und die Lage der Kurden in Syrien. Die Staatsmacht war bei den Veranstaltungen mit insgesamt 150 Beamten im Einsatz, kein Vergleich zu früheren Jahren. Die Polizei atmet durch.

Hintergrund der Aktionen rund um die Meile ist die Zerstörung Magdeburgs durch alliierte Bomber am 16. Januar 1945. Neonazis hatten das Weltkriegsdatum bei Aufmärschen mit teilweise mehr als 1000 Teilnehmern immer wieder für ihre Propaganda missbraucht. 2017 gab es erstmals keine größere Veranstaltung. Die NPD hatte sich laut AZ-Informationen an diesem Sonnabend in den Norden der Stadt verzogen und auf dem Nicolaiplatz einen Infostand aufgebaut.

Von Marco Hertzfeld

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